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Großmüttergespräch

Verändert sich die Rolle der Großeltern in unserer Gesellschaft? Diesen Eindruck kann man jedenfalls bekommen, wenn man sich umhört: Großeltern sind gefragt, weil Vater und Mutter arbeiten und  sich jemand um die Kinder kümmern muss. Kitaplätze sind rar, teuer und zeitgebunden. Sind Großeltern darum die bessere Wahl? Darüber haben sich drei Großmütter unterhalten . Entstanden ist daraus dieses Gedächtnisprotokoll.

Am Tisch saßen:

Marga (84),

Brigitte ( 56),

Marie (77)

Marga: Ich lebe auf dem Land. Auf dem Bauernhof meiner Familie. Bei uns gab es nie Probleme, wenn Kinder betreut werden mussten. Irgend jemand war immer da. Das ist heute auch noch so.

Brigitte: Meine Tochter und ihr Mann sind beide berufstätig. Beide lieben ihren Beruf. Ich war nie berufstätig. Als die kleine Tochter geboren wurde, war es für mich selbstverständlich, dass ich mich um das Baby kümmerte. Auch mein Mann, im Ruhestand,  ist gern als Babysitter beschäftigt. So haben wir nie Langeweile. Das Leben mit unser kleinen Enkelin ist einfach schön. Und wird noch schöner, denn im nächsten Monat soll der kleine Bruder geboren werden.

Marie: Meine Kinder haben spät geheiratet und Kinder bekommen. Für mich war das ein Gewinn, denn so konnte ich – ohne Großmutterpflichten –  als Späteinsteigerin in meinem Beruf arbeiten. Zum Glück bin ich nie gefragt worden, ob ich zum Kinderhüten bereit wäre. Ich hätte zwar nicht nein gesagt, aber begeistert wäre ich nicht gewesen.

Marga: Wieviel Enkelkinder hast du denn?

Marie: Sechs. Alles Mädchen. Inzwischen  sechzehn, fünfzehn, zwölf, zehn und acht Jahre alt. Ihre Väter und Mütter sind  berufstätig. Alle sind im Kindergarten gewesen und hatten oder haben einen Platz im Hort.

Brigitte: Ich glaube, du weist gar nicht, was du alles verpasst hast. Als Großmutter hast du doch eine ganz anderen Platz im Leben der Kinder als die Eltern. Du freust dich, wenn sie kommen. Sie gehst auch ihre Wünsche ein und kannst sie verwöhnen…

Marie: Ich habe meinen Kindern zwanzig Jahre meines Lebens geschenkt. Ich war immer für sie da. Ob ich immer eine gute Mutter war? Ich bin mir nicht sicher. Aber noch einmal: nur für andere da sein, das möchte ich nicht mehr.

Marga: Deine Ansicht teilen die jüngeren Großeltern offensichtlich nicht. Sie nehmen die Herausforderung an und lassen sich zum Kinderhüten einspannen. Unser bestes Beispiel hier am Tisch ist Brigitte.

Brigitte (guckt vergnügt): Ja und im Trend sind  mein Mann und ich auch noch, denn es gibt jetzt sogar ein Gesetz, dass nicht nur Elternzeit sondern auch Großelternzeit möglich macht. Es gibt also sogar Großeltern, die noch berufstätig sind und Enkelkinder hüten.

Marie: Es ist aber ein Gesetz mit ziemlichen Einschränkungen.

Brigitte:  Mir genügt schon die Idee, denn dieses Gesetz ist doch eine Bestätigung für die Rolle, die wir Großeltern inzwischen spielen.

Marga: Ob das die Feministinnen bedacht haben, als sie anfingen,  mehr Freiheit für  Frauen zu fordern?  Mehr Freiheit auf Kosten anderer?

Marie: Eine Antwort auf diese Frage können wir uns sparen. Fakt ist nur, dass heute Frauen selbst für ihre Rente sorgen müssen. Wenn die Ehe nicht hält, bekommen sie Probleme.

Brigitte: Na, seht ihr wohl: Diese Gesetzesänderung ist doch schon ein Grund, warum wir als Großeltern einspringen sollten, wenn Enkelkinder behütet werden müssen.

Marga: Du sagst Enkelkinder sollen behütet werden. – Das gefällt mir. Behütet wird man am besten in der Familie. Da mögen die Frauen und Männer, die im Hort arbeiten, noch so gut sein. Eine liebevolle Familie ersetzen sie nicht.

Marga: Was mir gerade auffällt: Die neuen Großeltern werden wieder zum Kern einer Großfamilie. So, wie ich das erlebt habe. Ich habe in meiner großen Familie ein erfülltes Leben gehabt. Und habe es immer noch. Ich fühle mich geborgen.

Brigitte: Das ist eine schöne Schlussfolgerung.

Marie: Vielleicht habe ich tatsächlich etwas in meinem Lebens verpasst. Ich werde wohl eines Tages in einem Altenheim landen und mich über die hohen Lebenserhaltungskosten ärgern..

 

 

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