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„Vergessen haben wir nichts“

Zum ersten Mal: „Gedenktag für Opfer von Flucht und Vertreibung“

Heute, am 20. Juni 2015, wird in Deutschland zum ersten Mal der Gedenktag für alle Deutschen begangen, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden und in der Bundesrepublik und der ehemaligen DDR  ein neues Zuhause fanden (finden mussten). Die meisten kamen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und Böhmen. Der Zufall  wollte es, dass ich mich gerade gestern mit ein paar ehemaligen Klassenkameradinnen getroffen habe.

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Meine Schulklasse 1950. Wer von diesen Mädchen wurde im Krieg aus seiner Heimat vertrieben? Damals wurde darüber nicht geredet.

Man blieb unter sich

Zuerst haben wir Ehemaligen uns über Enkelkinder, Reisen und Krankheiten unterhalten. Dann brachte jemand den neuen Gedenktag ins Gespräch und schon folgte mein Eingeständnis: „Es tut mir heute leid, dass ich nie gefragt habe, wo ihre alle herkommt. Die meisten von euch waren doch sicher Vertriebene?“ Waltraud und Edith nickten. Ihre Mütter waren mit ihnen und ihren Geschwistern aus Schlesien geflüchtet und schließlich in Bremen gelandet. Ediths Mutter war offensichtlich eine „Macherin „, denn beide Töchter erinnerten sich,  dass Ediths Mutter immer schnell herausfand, wo es Hilfsmöglichkeiten für Flüchtlinge gab.

Meine Erinnerungen gingen in die andere Richtung, denn meine Familie musste nicht flüchten, auch den Bombenkrieg auf die deutschen Großstädte erlebte sie nicht mit. Dafür beobachtete ich, wie die Erwachsenen Kinderbetten zusammensetzten und in Zimmern verteilten, um den Behördenvertretern klar zu machen, dass in ihren Wohnungen kein Platz für Flüchtlinge war. Doch ich erinnere mich auch, dass in unsere Wohnung in W. Flüchtlinge eingewiesen wurden. Meine Mutter hat mir damals ein gutes Beispiel gegeben, denn sie hat den Flüchtlingen Bettzeug und Handtücher geschenkt. Schwierig wurde es für sie, als sie plötzlich ihre Küche mit Fremden teilen musste. Doch  das haben die Erwachsen wohl gemeistert, denn ich kann mich nur an ein fröhliches Chaos erinnern, nicht an Streit.

Mehr Erinnerungen an persönliche Begegnungen habe ich nicht. Freundinnen fand ich nur in Familien, die auch meine Eltern kannten. Zufall?  „Das bedaure ich heute,“ sagte ich zu Waltraud, die neben mir saß. Sie sah mich aufmerksam an. „Dann hast du auch nicht gewusst, dass ich bis zum Abitur in einem Zimmer mit meiner Mutter und Tante schlafen musste?“ Nein.

Danach war das Treffen zu Ende.

Zugleich mit dem „Gedenktag für Opfer von Flucht und Vertreibung“ wird auch der „Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen“ begangen. Dieser Gedenktag fand 2001 zum ersten Mal statt. Der Bundespräsident hat heute zu beiden Erinnerungstagen  im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine Rede gehalten.

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