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Archiv für die Kategorie ‘Goldene Hochzeit’

Goldene Hochzeit und goldene Zeiten

Eine neue Heimat  und eine sichere Zukunft

Wolfgang und Ingrid haben ihre goldene Hochzeit gefeiert. Mit fünfzig Gästen in dem Lokal, in dem sie sich vor gut fünfzig Jahren beim Tanzen kennengelernt haben. Das war Anfang der sechziger Jahre.

Wolfgang stammt aus einer großen Familie mit zehn Kindern. Ingrid ist ein Flüchtlingskind. Beide sind in Norddeutschland groß geworden. Als sie heiraten, haben beide eine sichere Stellung. Ingrid gibt ihre auf, als ihr erstes Kind geboren wird. Angst, dass ihre Ehe in die Brüche gehen könnte, hat sie nicht. Warum auch? Scheidungen gehörten damals noch nicht zum Alltagsgeschehen. Und dass der Mann seinen Arbeitsplatz bei der Bundeswehr verlieren könnte? Auch das war unvorstellbar.

Die alte Heimat

Als das dritte Kind geboren wird, bauen sie sich ein Haus, umgeben von einem Garten. Die Straße trägt den Namen der schlesischen Stadt, in der Ingrid als Kind lebte bis ihre Familie flüchtete. Auch die anderen Straßen in dieser Siedlung tragen Städtenamen aus dem Vorkriegsdeutschland.  Auf der goldenen Hochzeit werden die verlorenen Regionen, aus denen die Gäste stammen,  alle genannt: Schlesien, Westpreußen, Ostpreußen, Pommern….eben die alte Heimat vieler Gäste. Nur Wolfgangs große Familie ist fast ausschließlich aus dem Weserraum angereist. Und eine Cousine steht vor ihm, die vor 50 Jahren Blumen für das Brautpaar gestreut hat. Sie ist mit ihrem Bruder gekommen, der einundzwanzig (!) Jahre  jünger ist als sie.

Straßenfeste

Ein Chor tritt auf. „Das ist unsere Straßengemeinschaft“, wird erklärt. „Früher haben wir zusammen Straßenfeste gefeiert. Das haben wir jetzt aufgegeben. Wir müssen nämlich ständig goldene Hochzeiten, sechzige, siebzige und achtzige Geburtstage feiern.“ Die Stimmung steigt weiter. Eine in die Jahre gekommene Bauchtänzerin tritt auf. Sie ist Ingrids Tanzlehrerin. Ingrid freut sich. Sie war fünfundsechzig, als sie mit dem Bauchtanzen aufgehört hat. Ach, was waren das für schöne Zeiten!

Und der Straßenchor singt zum Schluß:

Zusammenleben / Auf Wolken schweben / Was kann das Leben / wohl Schöneres geben?

Hochzeit 1928. Dieses Braupaar und seine Familien haben zwei Weltkriege erlebt. Keine goldenen Zeiten.

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