Leselust – Über Nadel und Faden

Die trüben Novembertage sind fast vorbei. Man denkt an Weihnachten und fragt sich, wer etwas geschenkt haben soll? Ein Geschenk liegt vor mir. Es ist ein kleines Buch, das zu stundenlangem Schmökern nur zu einem Thema einlädt:  Auf fast 200 Seiten quer durch die Literaturgeschichte erfährt man, wie Autoren und Autorinnen in ihren Schriften die unterschiedlichsten Textilherstellungsarten beschreiben. Der Titel: „Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden“

Hier beschreibt Susanne Schnatmeyer, die Autorin, wie sie gearbeitet hat.

Ich bin froh und dankbar, dass Archive, Bibliotheken und Inernetplattformen in zwischen ihre Bestände, – besser ihre Schätze – öffentlich zugänglich machen. Ohne die Möglichkeit der Onlinrecherche wäre diese Zitatensammlung nicht gelungen.

Ist das ein Buch für Frauen geworden?

Ja und nein. Ich hatte erwartet, dass handarbeitende Frauen in ihrer Freizeit zusammen saßen. Doch das war nicht immer so. Oft war es schwere Arbeit oder lästige Notwendigkeit. Weißnäherin, Spitzenklöpplerinnen und  Putzmacherinnen haben mit ihren Handarbeiten Geld verdient und ihre Familien ernährt.

Diese Berufe sind noch gar so lange verschwunden. Noch in der Mitte des letzten Jahrhunderts ging man zur Putzmacherin, und es kam eine Weißnäherin ins Haus.

Ja, so hat es mir meine Großmutter erzählt.

Welche Autoren und Autorinnen haben Sie zitiert?

Es sind 57 Fundstellen.. 35 Beiträge sind von Männern verfasst, immerhin 21 von Frauen. Fontane ist dabei, Goethe, Shakespeare… Marie von Ebner-Eschenbach…

Mir hat das Lesen Spaß gemacht, weil ich die meisten Autoren und Autorinnen vom Namen kannte und wieder an sie erinnert wurde. Du lieber Himmel, was habe ich schon alles in meinem Leben gelesen!

Mir ist es ähnlich ergangen. Und dann auch noch die Erkenntnis, dass es schon immer Menschen gegeben hat, die gehandarbeitet haben.

Mir fällt dazu meine Großmutter ein, die mir beim Strümpfe stricken geholfen hat. „Gib den Pruddellappen mal her“, hat sie einmal gesagt und den Absatz im Strumpf fertig gestrickt. Ich habe das nicht mehr gelernt. Zum Glück wollten es meine Enkelkinder auch nicht wissen.

 

Kurzbeschreibung

Eine großartige Fundgrube für alle, die wissen wollen, wie durch die Jahrhunderte in der Literatur mit Nadel und Faden gearbeitet wurde. Das Buch erinnert an verlorene Frauenberufe ebenso wie an vergessene Autorinnen, die in dieser Sammlung wieder eine Stimme bekommen.

Geschichten und Gedichte von Ringelnatz, Krüss, Dickinson, Fontane, Rilke, Goethe, Gomringer, Benn, Dohm, Ebner-Eschenbach, Droste-Hülshoff und vielen mehr.

ISBN 978-3-9819829-0-9, Verkaufspreis 18 Euro.

Dem Einband liegt ein Stickmustertuch zugrunde, das mit „JH Scholtz, Anno 1875“ signiert ist. Ist das nicht wunderbar, dass JH Scholtz (vermutlich ein junges Mädchen) mit der vermeintlich banalen Arbeit nun 140 Jahre später auf einem Buch verewigt ist?

 

 

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Sonntag im Frühling

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Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;

Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.

Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.

Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!

Das Gedicht stammt von Eduard Mörike (1804 – 1875). Es ist mir wieder eingefallen, als ich  auf meinem Spaziergang im Stadtgarten am Weserufer dieses Foto gemacht habe. Doch wer war Eduard Mörike? Ich habe alles, was ich jetzt erzähle im Großen Brockhaus von 1929 nachgelesen. (Mein Schulwissen ist doch schon ziemlich verbraucht).

Also: Eduard Mörike war Pfarrer, wurde aber schon früh in den Ruhestand geschickt,  „weil er sein ungeliebtes Amt völlig vernachlässigte…“. Dafür betätigte er sich als Schriftsteller. Extra erwähnt wird, dass er eine geheimnisvolle Frau geliebt haben soll. Dann aber doch wieder in die Arme seiner Muter geflohen ist. Geheiratet hat er 1851 die 27jährige Margarethe von Speeth. Doch die Ehe war nicht glücklich, so “ dass das alternde Paar 1873 wieder auseinander ging“. Zwei Jahre später ist Eduard Mörike –  kurz von seinem 71. Geburtstag –  gestorben. Ein Lebenslauf, der auch in unsere Zeit gepasst hätte.

„Punkt 11“ – Immer sonnabends um 11 Uhr

 Autoren und Autorinnen lesen vor

 

In der Stadtbibliothek Bremen kann man nicht nur Bücher ausleihen. Dort gibt man auch Literaturschaffenden aus der Region ein Forum. Ein gutes Beispiel ist dafür die Reihe „Punkt 11“. Immer sonnabends. Immer um 11 Uhr in der Stadtbibliothek Bremen-Vegesack.

Ich habe dort  der Bremerin Irmtraud Hansemann zugehört. Sie las eigene Lyrik und Prosa unter dem Titel „Ganz  nah am Alltag“  vor. Mit überraschenden Einsichten und feinem Humor bewies sie,  dass ihr Alltag unser aller Alltag ist.

Ihre Geschichten und Gedichte hat sie bereits in einem kleinen Band veröffentlicht, dazu im Hebus-Verlag Cartoons und  den Roman „Die Begleiterin“. Während ihrer Stunde für die Literatur führte Irmtraud Hansemann ihre Zuhörer und Zuhörerinnen zum Beispiel in ein Kaffeehaus, auf einen  Friedhof, erfand den Herr der Ringe neu und beschrieb, wie sie an einer Supermarktkasse betrogen wurde. Notiert habe ich mir diese Sätze: …Auch ewige Jugend geht vorbei…,Rohstoff für Literatur blüht im Alltag…Wird Sehnsucht erwachsen, wenn ich sie stille?…

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Irmtraud Hansemann hat die Lesung gehalten, obwohl sie an Parkinson erkrankt ist. Seit 1990 wird ihr Leben von der Krankheit bestimmt. In einem Flyer schildert sie das so: …Lebensqualität- Eigenbestimmung- genau die ist mir genommen. Ich kann nicht mehr über meinen Körper bestimmen. Spontanität, Zukunftspläne, Entwicklungen!  Wünsche reduzieren sich auf die genau berechnete Medikamenteneinnahme. Ich richte mich nicht mehr nach der Uhr, sondern nach meinen „on/off-Zeiten“. „Off“ heißt Fegefeuer aus Starre und Krampf. „On“ heißt: In  genau zugeteilter Zeit so bewusst wie möglich aktiv zu leben.“

An diesem Morgen wurde ihr mit herzlichem Beifall gedankt.

Alle Informationen zu den Lesungen bekommt man unter : http://www.stabi-hb.de/Veranstaltungen-Punkt-11. Der Eintritt ist frei.

Am Donnerstag, 11. Februar, 18.30 Uhr, hat Irmtraud Hansemann ihren nächsten Termin:

In der Bremer Zentralbibliothek/Kriminalbibliothek trifft sich die Gruppe WORTLAUT. Irmtraud Hansemann, Heide Marie Voigt, Hanna Scotti, Eberhard Pfleiderer und Jens-Ulrich Davids lesen Texte zum Thema „Flaschenpost“. Eintritt frei.