Seniorenalltag seit 20 Jahren

 Ich wollte mit diesem Blog einen Einblick in mein Seniorenleben geben, doch ich stelle fest, dass ich wenig über Dinge berichte, die nur im Seniorenalltag geschehen können. Mein Alltag ist weiter mein Alltag, so wie er sich fügte, nachdem ich meinen sechzigsten Geburtstag gefeiert hatte: Die Kinder waren aus dem Haus und ich konnte mich neu einrichten.

Zwanzig Jahre später ist dies immer noch wichtig für mich:

  • Meine Haare sind nicht mehr strohig, sondern leicht gewellt.
  • Im Fitnessstudio kann ich alle Geräte bedienen.
  • Gute Laune bekomme ich, wenn ich nicht zu kochen brauche, weil es genug Fertiggerichte zum Auswählen gibt.
  • Bügeln ist einfacher geworden. Schuhe putzen auch.
  • Romane lese ich nicht mehr. Ich habe keine Lust mehr, mich in fremdes Leben einzufühlen. Stimmt nicht mehr. Ich habe gerade den Roman „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse gelesen.
  • Meine Freundin ist kleiner geworden, sie schaut jetzt zu mir auf. “Du schrumpfst auch”, stellte meine Tochter darauf hin gnadenlos fest.
  • Gute Freunde sind gestorben. Sie fehlen mir. Eine Freundin, die vor ein paar Jahren das Zeitliche segnete, fehlt mir dagegen nicht. Sie hatte sich im Alter in eine Furie verwandelt.
  • Enkel und Enkelinnen gehen jetzt alle in die Schule. Zwei studieren. Kein Grund mehr, dass ich mich um sie kümmern muss. Mich stimmt das nicht traurig.
  • Mein Gehirn arbeitet zunehmend eigenständig. Namen von Menschen, die vor mir stehen, gibt es nur zögerlich frei. Manchmal erst am nächsten Morgen.
  • Politik interessiert mich immer noch. Nur eins sage ich nicht mehr: “Das haben wir nach dem Krieg doch auch erlebt…Meine Gesprächspartner kontern dann meist: Ich war da noch nicht geboren…
  • Gestern war es wieder einmal anders:
  • 20. April, 12.30 Uhr. Am Tisch eines Freundes, der seinen achtzigsten Geburtstag feiert. Er stößt mich an und zeigt auf seine Uhr. Es ist 12.30 Uhr. „Vor 74 Jahren, genau zu diesem Zeitpunkt, begann die Bombardierung von Dresden. Ich bin als Junge um mein Leben gelaufen.“ Eine Freundin am Tisch erinnert sich an etwas anderes: „Meine Mutter war mit mir auf der Flucht. Meine Schwester war noch nicht geboren, aber mein Vater schon gefallen…“
  • Das erfahre ich jeden Tag: Menschen, Freunde und Freundinnen, halten mich lebendig. Ich brauche sie. Aber was gebe ich ihnen zurück?
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Ein guter Anfang

Blick auf die Weser

Mein erster Artikel im neuen Jahr sollte eigentlich ein Rückblick auf 2018  sein.  Doch ich habe es mir anders überlegt, denn heute steht ein Interview mit Renke Brahms in der Bremer Tageszeitung. Er ist Schriftführer und Repräsentant der rund 199000 evangelischen Gläubigen in Bremen.

Er hat in  dem Gespräch  an Martin Luther erinnert: Martin Luther verschickte im Oktober 1617 an die zuständigen Bischöfe seine 95 Thesen zur Ablassfrage und setzte damit eine öffentliche Auseinandersetzung in Gang, die schließlich zur Spaltung der Kirche führte. Doch ich verbinde noch mehr mit seinem Namen: Martin Luther hat sich in mein ganzes Leben eingemischt! Er war es nämlich, der vor 500 Jahren festlegte, wie  Protestanten leben sollen, und weil  meine Vorfahren  seiner Lehre folgten, bin ich auch mit seinen Leitbildern aufgewachsen:

Protestanten sollen fleißig sein. Bin ich, wenn ich im Garten arbeite. Wir sollen sparsam sein. Bin ich, wenn ich wieder einmal (fröhlich) mit einem Sonderangebot nach Hause komme.  Wir sollen uns bilden. Mache ich. Bücher dazu stehen im Schrank und Google kenne ich auch. Luther liebte die Musik. Ich bin ihr zugetan, denn ich besuche Oper und Konzert  für mein Leben gern.

Sonst noch was? Ein  paar Luther-Zitate fehlen noch. Aber woher nehmen?

Ich habe vor ein paar Jahren das kleine Reclam-Buch „Luther zum Vergnügen“ in einer Buchhandlung gefunden, und es ist zum freundlichen Begleiter für mich geworden. Diese Zitate über Frauen habe ich darin gefunden:

Bei der Frau finden sich viele gute Eigenschaften zugleich: der Segen des Herrn, Nachkommen, die Vertrautheit mit den Dingen, welche alle so groß sind, dass sie einen Menschen erdrücken könnten…

Es ist kein Rock, der einer Frau oder Jungfrau so übel ansteht, als wenn sie klug sein will.

Wieso beschäftige ich mich eigentlich mit diesem Mann? – – Weil es diese Sorte Mann immer noch gibt und weil sie immer noch von Frauen geliebt werden.

Hier mache ich erst einmal Schluss. Mit diesem Zitat:

Man dient Gott auch durch Nichtstun, ja durch nichts mehr als durch Nichtstun.

Haben Sie in diesem Punkt wirklich Recht, Herr Luther? Oder bin ich nur zu dumm, um es zu verstehen?

Ich verrate etwas

Im Blog schreiben ist wie Zeitung machen: Man fängt an, bekommt Zustimmung und macht weiter. Jahr für Jahr. Hurra, habe ich gerade geschrieben, das neue Jahr ist da!

Ja – und nun? Welches Thema willst du dir jetzt vornehmen? Du bist ängstlich. Themen zu Politik und Gesundheit lässt du daher aus. Fängst du noch einmal von vorne an? Nein, wie langweilig. Aber 2019 ist ein besonderes Jahr für dich. Es ist ein Jubiläumsjahr: Du wirst 80 Jahre alt.

Und so mache ich weiter: Ich veröffentliche ab heute eine Rätselreihe, die ich mir vor Jahren ausgedacht habe. Die Rätsel drehen sich um Personen, die zur Bremer Geschichte gehören. Zusammengestellt habe ich die Gespräche (Interviews) aus Fakten, die zu der Person gehören. Alles stimmt. Nichts ist ausgedacht. Nur dass Steine reden können ist meine Phantasie. Die Fragen stellt Thea, die mich bei diesem Spiel vertritt.        

Das erste Rätsel

Thea fragt

Sie sind viel größer als die Bremer heute. Wo sind Sie aufgewachsen?.

Meinen Namen kennt man in vielen Ländern. Besonders stolz bin ich, dass ich auch im  Brockhaus-Lexikon “Literatur” ausführlich erwähnt werde. Sogar an zwei Stellen!! Dort wird mein Leben  erzählt. Das heißt, um ehrlich zu sein, man rätselt ein bisschen, denn aufgeschrieben habe ich nie etwas. Dafür hatte ich gar keine Zeit. Ich musste nämlich ununterbrochen meinem Onkel helfen, der als Kaiser einen Krieg nach dem anderen führte.

Ihr Onkel war Kaiser? Sind Sie in Berlin aufgewachsen?

Aber nein! Wer früher im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, kennt ihn: Es war Karl der Große. Der sitzt übrigens in der Mitte der Bremer Dom-Fassade und hält ein Modell vom Dom auf dem Schoß.

Darüber wundere ich mich. Sind es nicht Bischöfe gewesen, die das Christentum verbreitet haben?

Tja. Da können sie sich auch wundern. Mein Onkel war eben ein besonderes Kaliber und ein überzeugter Christ.

Und warum hält der das Dom-Modell auf dem Schoß?

Er hat dafür gesorgt, dass schon früh eine Kirche auf der Bremer Düne gebaut wurde. Ich habe in der Zeit in Südfrankreich für das Christentum gekämpft und bin dabei von einem Schurken hingemetzelt worden. Doch das wissen leider die wenigsten Bremer!

Wann war zum ersten Mal in Bremen von Ihnen die Rede?

Hier in Bremen soll ich als Symbol- Person zuerst 1366 aufgetaucht sein: als hölzernes Standbild.  Die Bremer wollten damit zeigen, dass der Bischoff in der Stadt nicht der Herr ist, sondern dass sie frei sind und nur dem Kaiser gehorchen wollen. Doch der Bischoff lies mich abbrennen. Er hatte wohl keine Lust, sich den neuen Zeiten anzupassen.

Haben die Bremer sich das gefallen lassen?

Nein, bei Gott, nicht. Der Zorn der Bremer Kaufleute muss riesig gewesen sein: Denn bald  darauf bauten sie sich ein schönes Rathaus und verbauten damit dem Bischoff   den Blick auf den Marktplatz, denn er bis dahin von seinem Palast aus in voller Breite genossen hatte. Und um das Maß voll zu machen, ließen sie mich schön groß in Sandstein hauen. Das muss gesessen haben, denn irgendwann war der Bischoff aus der Stadt verschwunden.

Seit wann sind Sie hier?

Unverrückt – seit 1404. So gut haben es meine Namensvetter in keiner anderen Stadt gehabt. Sie sind immer mal wieder hin und hergeschoben worden, oder sie sind ganz verschwunden.

Stimmt es, dass Napoleon Sie mit nach Paris nehmen wollte?

Ja, aber da waren die Bremer plietsch, denn ich war ihnen längst an´s Herz gewachsen. Sie haben den Franzosen versichert, dass ich ohne jeden ästhetischen Wert sei. Ein Architekt ist für mich allerdings bis heute ein Verräter: Er machte einen Plan und schlug den Franzosen vor, auf den Marktplatz einen Obelisken zu stellen. Der Marktplatz ohne mich! Polzin hieß der Mann. Dafür hätte ich ihm am liebsten mein spitzes Knie unter die Nase gehalten.

Wer hat Ihnen das denn verraten?

Sie stellen Fragen! Mir wurde nichts verraten, sondern ich wurde informiert! Von Herbert Schwarzwälder, der die „Geschichte der Freien Hansestadt Bremen geschrieben hat. Vier Bände sind das. Und „Das große Bremen-Lexikon“ hat er auch noch geschafft! 832 Seiten! Ach, was rede ich: Lesen Sie selbst!

Was denken Sie heute, wenn Sie auf den Dom blicken?

Mein Herz ist fröhlich, denn wenn ich mir meinen Onkel angucke, der da so artig mitten zwischen den biblischen Figuren in der Dom-Fassade sitzt, freue ich mich, denn den haben die Bremer kleiner in Stein gehauen als mich. Was mich natürlich ehrt. Trotzdem lassen es die Bremer bei uns an Geschichtsbewusstsein fehlen und das macht mir Kopfschmerzen.

Ihnen schmerzt der Kopf?

Und wie!  Stellen Sie sich das vor: Meinen Kopf haben die Bremer 1983 in´s Museum geschafft und mir eine schlechte Kopie auf den Hals gestellt. Mein Onkel blieb auch nicht verschont: dem haben sie den Schnurbart von Kaiser Wilhelm unter die Nase gemeißelt.

Nun wissen Sie bestimmt, wer ich bin!

Bischoff Willehad ?   

Otto Fürst von Bismarck ?   

Roland von Bremen ?                        

Noch Zweifel?  Wikipedia löst das Rätsel.                                                                                            


Wie geht die Reihe weiter? Ich melde mich! Versprochen!





2019 – Hurra !


Diesen alten Kalender hat mir meine amerikanische Freundin zu Weihnachten geschickt! Wir sind über unsere Vorfahren miteinander verwandt. Und wie man sich leicht ausmalen kann, muss es Ende des 19. Jahrhunderts noch einen regen Kontakt zwischen den Auswanderern und dem Rest der Familie in Eitzendorf (bei Hoya an der Weser) gegeben haben. Meine Freundin spricht nur Englisch, doch durch die Möglichkeiten, die heute das Internet bietet, kann sie sich das, was ich hier gerade schreibe, schnell übersetzen lassen…

Ein paar Themen aus dem Inhalt:

Die kritischen Tage des Jahres 1897

Aufgezählt werden Wetterereignisse. So soll es am 3. und 18. Januar Gewitter geben…

Stand der Uhren in verschiedenen Städten, wenn in Washington 12 Uhr Mittag ist…

Kometenerscheinungen im Jahre 1897…

Arbeitskalender für den Gemüsegarten

Aufgezählt werden Wetterereignisse. So soll es am 3. und 18 Januar 1897 Gewitter geben…

Gesetzliche Feiertage in den Vereinigten Staaten von Nordamerika…

  1. Januar: Neujahrstag. In allen Staaten mit Ausnahme von Arkansas, Massachusetts, Missisippi, New-Hampshire und Rhode Island. (Ein Beispiel)

Weltweit dabei – Merry Christmas!

 

Merry Christmas

Vrolijk kerstfeest

Joyeux noel

Feliz navidad

 Buon Natale 

Wesołych Świąt 

In 30 Ländern haben Menschen in diesem Jahr Kontakt zu meinem Blog aufgenommen. Die Amerikaner und Amerikanerinnen gehören zu der größten Gruppe. Sie haben meinen Blog 8345 Mal aufgerufen. Danke dafür! Und weil einem heute alles im Internet so einfach gemacht wird, habe ich mit Hilfe der Suchmaschine meinen Wunsch für ein schönes Weihnachtsfest noch in ein paar andere Sprachen übersetzen lassen. So können wir uns weltweit verstehen, wenn es am 24. Dezember 2018 heißt:

Fröhliche Weihnachten

 

Weihnachtsmarkt in Bremen – Auf dem Marktplatz und vor dem Rathaus.

Im Winter gibt es Braunkohl und Pinkel

 

Leibgericht vieler Bremer – Das Rezept meiner Großmutter 

In vielen Familien wird jetzt das Weihnachtsfest vorbereitet. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gehört dazu ein zünftiges Kohlessen. „Stell dir vor“, sagt meine Freundin, „meine Schwiegertochter will den Kohl kochen. Weiß aber nicht, wie das geht! Kannst du ihr das nicht ´mal aufschreiben? Das arme Wesen kommt aus Bayern und kennt diesen Kohl nicht…“.

Das tue ich gerne, denn es passiert mir oft, dass Gäste dieses Essen überaus loben. Alle sehen anschließend  immer sehr zufrieden aus.

Warum ich dieses Lob bekomme, ist schnell erklärt:

Ich kaufe den Kohl frisch auf dem Wochenmarkt, obwohl die anschließende Verarbeitung zeitaufwändig ist. Ich mache mir die Mühe aber gern, denn immer schwingen beim Vorbereiten auch die Erinnerungen an meine Großmutter Dora Bormann (1890-1951) mit. Sie hat mich als Kind einmal gerufen und mir genau erklärt, wie der Kohl in der Familie gekocht werden muss. Und das werde ich hier jetzt  veröffentlichen.

Braun- oder Grünkohl?

Vorweg noch dies: Unser Braunkohl heißt sonst überall Grünkohl. Warum? Er kocht braun. Jedenfalls soll das früher so gewesen sein. Doch diese Kohlsorte scheint verschwunden zu sein. Heute  sieht jeder gekochte Kohl grün aus. Auch bei mir. Über das Wort Pinkel denkt man am besten gar nicht erst nach. Pinkel ist eine Wurst aus viel Speck, Zwiebeln, Hafergrütze, Salz und Pfeffer. Sie wird im Kohl mit gekocht. Heute wird die Pelle dem Schlachter fix und fertig geliefert, früher füllte man die Masse in den Rinder- oder Schweinedarm.

Ein großer Topf muss  sein

Für einen 10-Liter-Topf besorge ich 1Kilo Kohlblätter und etwa 200 g Hafergrütze, schneide mindestens ½ Kilo Zwiebelringe  und hole Salz und Pfeffer aus dem Schrank.

Die Kohlblätter werden gewaschen und mit kochendem Wasser gebrüht (früher wurden dadurch die Bitterstoffe entfernt, die inzwischen aber weggezüchtet sind). Trotzdem ist das Brühen noch nützlich, denn dadurch fallen die Blätter zusammen und man hat mehr Platz im Topf. Dann wird geschichtet:

Zuerst 10 Zentimeter hoch Kohlblätter locker auf den Boden geben, mit Zwiebelringen bedecken, Hafergrütze darüber streuen und mit Salz und Pfeffer würzen. Dann folgt die nächste Schicht, bis alles im Topf ist ( siehe Foto oben). Mit Wasser oder Brühe angießen und weich kochen. Das kann eine Stunde dauern. (Gut aufpassen, der Kohl brennt leicht an!)

Meine Großmutter und meine Mutter legten das Fleisch gleich mit auf den Kohl. Bei uns war (und ist) es: Kasseler Kotelett, fetter, gestreifter Speck, Kochwurst und Pinkel. Pro Person nach Gutdünken. Ich koche das Fleisch ohne Kohl. So kann ich das Fett abschöpfen ( es ist viel Fett), bevor die Brühe zum Kohl kommt.

Natürlich kann man auch dieses Gericht mit weniger Aufwand kochen. Meine Freundinnen (keine Bremerinnen!) nehmen den Kohl aus der Dose oder Tiefkühltruhe. Doch uns schmeckt das nicht. Wir finden sogar, dass der Kohl noch besser schmeckt, wenn er noch einmal aufgewärmt wurde. Dazu gibt es Salzkartoffeln.

Die Kohlmenge reicht für vier bis sechs Personen.

 

Winter-Wander-Vergnügen

Ein Tipp für alle, die keine Lust zum Kochen haben:

Dieses Kohl-Essen hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Winter-Wander- Vergnügen  entwickelt. Zu diesen Kohl-und-Pinkel-Fahrten treffen sich Clubs, Vereine, Familien, Firmenmitglieder, Nachbarn…Man läuft zusammen durch die Kälte und wenn man richtig hungrig ist, setzt man sich in einem Lokal an den Tisch, wo schon viele andere sitzen und lässt sich den Kohl servieren. Dazu gibt es Bier und Schnaps und man tanzt und singt zu schaurig schöner Blechmusik.

 

Leselust – Über Nadel und Faden

Die trüben Novembertage sind fast vorbei. Man denkt an Weihnachten und fragt sich, wer etwas geschenkt haben soll? Ein Geschenk liegt vor mir. Es ist ein kleines Buch, das zu stundenlangem Schmökern nur zu einem Thema einlädt:  Auf fast 200 Seiten quer durch die Literaturgeschichte erfährt man, wie Autoren und Autorinnen in ihren Schriften die unterschiedlichsten Textilherstellungsarten beschreiben. Der Titel: „Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden“

Hier beschreibt Susanne Schnatmeyer, die Autorin, wie sie gearbeitet hat.

Ich bin froh und dankbar, dass Archive, Bibliotheken und Inernetplattformen in zwischen ihre Bestände, – besser ihre Schätze – öffentlich zugänglich machen. Ohne die Möglichkeit der Onlinrecherche wäre diese Zitatensammlung nicht gelungen.

Ist das ein Buch für Frauen geworden?

Ja und nein. Ich hatte erwartet, dass handarbeitende Frauen in ihrer Freizeit zusammen saßen. Doch das war nicht immer so. Oft war es schwere Arbeit oder lästige Notwendigkeit. Weißnäherin, Spitzenklöpplerinnen und  Putzmacherinnen haben mit ihren Handarbeiten Geld verdient und ihre Familien ernährt.

Diese Berufe sind noch gar so lange verschwunden. Noch in der Mitte des letzten Jahrhunderts ging man zur Putzmacherin, und es kam eine Weißnäherin ins Haus.

Ja, so hat es mir meine Großmutter erzählt.

Welche Autoren und Autorinnen haben Sie zitiert?

Es sind 57 Fundstellen.. 35 Beiträge sind von Männern verfasst, immerhin 21 von Frauen. Fontane ist dabei, Goethe, Shakespeare… Marie von Ebner-Eschenbach…

Mir hat das Lesen Spaß gemacht, weil ich die meisten Autoren und Autorinnen vom Namen kannte und wieder an sie erinnert wurde. Du lieber Himmel, was habe ich schon alles in meinem Leben gelesen!

Mir ist es ähnlich ergangen. Und dann auch noch die Erkenntnis, dass es schon immer Menschen gegeben hat, die gehandarbeitet haben.

Mir fällt dazu meine Großmutter ein, die mir beim Strümpfe stricken geholfen hat. „Gib den Pruddellappen mal her“, hat sie einmal gesagt und den Absatz im Strumpf fertig gestrickt. Ich habe das nicht mehr gelernt. Zum Glück wollten es meine Enkelkinder auch nicht wissen.

 

Kurzbeschreibung

Eine großartige Fundgrube für alle, die wissen wollen, wie durch die Jahrhunderte in der Literatur mit Nadel und Faden gearbeitet wurde. Das Buch erinnert an verlorene Frauenberufe ebenso wie an vergessene Autorinnen, die in dieser Sammlung wieder eine Stimme bekommen.

Geschichten und Gedichte von Ringelnatz, Krüss, Dickinson, Fontane, Rilke, Goethe, Gomringer, Benn, Dohm, Ebner-Eschenbach, Droste-Hülshoff und vielen mehr.

ISBN 978-3-9819829-0-9, Verkaufspreis 18 Euro.

Dem Einband liegt ein Stickmustertuch zugrunde, das mit „JH Scholtz, Anno 1875“ signiert ist. Ist das nicht wunderbar, dass JH Scholtz (vermutlich ein junges Mädchen) mit der vermeintlich banalen Arbeit nun 140 Jahre später auf einem Buch verewigt ist?

 

 

Volkstrauertag

Morgen, Sonntag, 18. November, ist Volkstrauertag. Ich denke an meinen Onkel Heinz Bormann. Leutnant der Luftwaffe. Geboren am 15. November 1919. Verschollen im Februar 1945 in Posen, heute Posnan, Polen.

Das Erinnern an diesem Tag gilt den Toten zweier Weltkriege und den Opfern der Gewaltherrschaft aller Nationen. Doch an diesem Sonntag denke ich auch daran, dass an anderen Orten der Erde wieder Krieg herrscht: An der Grenze zum Gazastreifen beschießen sich Israelis und Palestinenser.

Ein Brief

Mich haben die Bilder von den Kämpfen am Gazastreifen an einen Brief erinnert, den mein Onkel am 7. Juli 1943 an seine Eltern schrieb. Darin beschreibt er eine Bombennacht im Ruhrgebiet:

…Das ganze Ruhrgebiet ist ein Frontgebiet. Wenn wir nachts auf unserer Befehlsstelle stehen und die Gefechtstätigkeit beobachten, dann ist das Bild um uns tatsächlich das Bild einer Schlacht. Über uns das immer neu auftauchende Flugzeuggeräusch, das während des Angriffs nie abreißt, das aufwärtsteigende Heulen der Flakgranaten. Ein Donnern und ein Krachen, wie es in einer Artillerieschlacht nicht schlimmer sein kann. Man sieht das Aufflackern der Brandbomben, die in langen Reihen in großer Anzahl hintereinander gefallen sind und sieht weiter, wie sich in der weiteren Umgebung Brände entwickeln, die den ganzen Himmel rot färben und  die Gegend hell erleuchten… Es ist furchtbar, was die Bevölkerung hier ertragen muß, aber einfach bewundernswert, mit welcher Haltung sie es hinnimmt…

Verlorene Heimat

Das geschah vor 75 Jahren. Heute können wir dankbar sein, dass wir in Friedenszeiten leben. Meine Großeltern haben zwei Kriege erlebt, meine Generation und die Generation meiner Eltern haben einen Krieg ausgehalten, viele sind aus ihrer Heimat vertrieben worden und mussten flüchten. Den Schmerz über die verlorene Heimat spüren manche immer noch. Heinz Bormann wäre vor ein paar Tagen, am 15. November 2018,  99 Jahre alt geworden.

Nachtrag
Ich bin heute, am Volkstrauertag, am Mahnmal gewesen, das in meiner Nachbarschaft steht. Es erinnert an die Toten beider Weltkriege. In einer kurzen Feier wurden Kränze niedergelegt und ein Posaunenchor spielte. Mit dabei waren zwei Pastoren, Politiker und Nachbarn. Es war ein ehrenvolles Gedenken.
Ganz anders verhielt sich heute der Bremer „Weser Kurier“. Er titelte auf Seite 1 „Happy Birthday, Micky Maus“.

Abend an der Unterweser

Abend an der Unterweser

Dieser „Torbogen“ steht an der Einfahrt zum Vegesacker Hafen. Die Bronzeplastik ist der Abguss eines Walkiefers. Er innert daran, dass von Vegesack aus vor rund 300 Jahren Schiffe zum Walfang nach Grönland fuhren. Die Wale wurden gejagt, weil u.a. ihr Fett (Tran) für Lampen gebraucht wurde. 1872 hörte die Jagd auf, denn man benutzte keine Tranlampen mehr, Petroleumlampen sorgten für Licht.