Im Winter gibt es Braunkohl und Pinkel

 

Leibgericht vieler Bremer – Das Rezept meiner Großmutter 

In vielen Familien wird jetzt das Weihnachtsfest vorbereitet. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gehört dazu ein zünftiges Kohlessen. „Stell dir vor“, sagt meine Freundin, „meine Schwiegertochter will den Kohl kochen. Weiß aber nicht, wie das geht! Kannst du ihr das nicht ´mal aufschreiben? Das arme Wesen kommt aus Bayern und kennt diesen Kohl nicht…“.

Das tue ich gerne, denn es passiert mir oft, dass Gäste dieses Essen überaus loben. Alle sehen anschließend  immer sehr zufrieden aus.

Warum ich dieses Lob bekomme, ist schnell erklärt:

Ich kaufe den Kohl frisch auf dem Wochenmarkt, obwohl die anschließende Verarbeitung zeitaufwändig ist. Ich mache mir die Mühe aber gern, denn immer schwingen beim Vorbereiten auch die Erinnerungen an meine Großmutter Dora Bormann (1890-1951) mit. Sie hat mich als Kind einmal gerufen und mir genau erklärt, wie der Kohl in der Familie gekocht werden muss. Und das werde ich hier jetzt  veröffentlichen.

Braun- oder Grünkohl?

Vorweg noch dies: Unser Braunkohl heißt sonst überall Grünkohl. Warum? Er kocht braun. Jedenfalls soll das früher so gewesen sein. Doch diese Kohlsorte scheint verschwunden zu sein. Heute  sieht jeder gekochte Kohl grün aus. Auch bei mir. Über das Wort Pinkel denkt man am besten gar nicht erst nach. Pinkel ist eine Wurst aus viel Speck, Zwiebeln, Hafergrütze, Salz und Pfeffer. Sie wird im Kohl mit gekocht. Heute wird die Pelle dem Schlachter fix und fertig geliefert, früher füllte man die Masse in den Rinder- oder Schweinedarm.

Ein großer Topf muss  sein

Für einen 10-Liter-Topf besorge ich 1Kilo Kohlblätter und etwa 200 g Hafergrütze, schneide mindestens ½ Kilo Zwiebelringe  und hole Salz und Pfeffer aus dem Schrank.

Die Kohlblätter werden gewaschen und mit kochendem Wasser gebrüht (früher wurden dadurch die Bitterstoffe entfernt, die inzwischen aber weggezüchtet sind). Trotzdem ist das Brühen noch nützlich, denn dadurch fallen die Blätter zusammen und man hat mehr Platz im Topf. Dann wird geschichtet:

Zuerst 10 Zentimeter hoch Kohlblätter locker auf den Boden geben, mit Zwiebelringen bedecken, Hafergrütze darüber streuen und mit Salz und Pfeffer würzen. Dann folgt die nächste Schicht, bis alles im Topf ist ( siehe Foto oben). Mit Wasser oder Brühe angießen und weich kochen. Das kann eine Stunde dauern. (Gut aufpassen, der Kohl brennt leicht an!)

Meine Großmutter und meine Mutter legten das Fleisch gleich mit auf den Kohl. Bei uns war (und ist) es: Kasseler Kotelett, fetter, gestreifter Speck, Kochwurst und Pinkel. Pro Person nach Gutdünken. Ich koche das Fleisch ohne Kohl. So kann ich das Fett abschöpfen ( es ist viel Fett), bevor die Brühe zum Kohl kommt.

Natürlich kann man auch dieses Gericht mit weniger Aufwand kochen. Meine Freundinnen (keine Bremerinnen!) nehmen den Kohl aus der Dose oder Tiefkühltruhe. Doch uns schmeckt das nicht. Wir finden sogar, dass der Kohl noch besser schmeckt, wenn er noch einmal aufgewärmt wurde. Dazu gibt es Salzkartoffeln.

Die Kohlmenge reicht für vier bis sechs Personen.

 

Winter-Wander-Vergnügen

Ein Tipp für alle, die keine Lust zum Kochen haben:

Dieses Kohl-Essen hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Winter-Wander- Vergnügen  entwickelt. Zu diesen Kohl-und-Pinkel-Fahrten treffen sich Clubs, Vereine, Familien, Firmenmitglieder, Nachbarn…Man läuft zusammen durch die Kälte und wenn man richtig hungrig ist, setzt man sich in einem Lokal an den Tisch, wo schon viele andere sitzen und lässt sich den Kohl servieren. Dazu gibt es Bier und Schnaps und man tanzt und singt zu schaurig schöner Blechmusik.

 

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Zum ersten Advent 2018

In diesem Jahr grüßt nicht mein Adventskranz zum Beginn der Vorweihnachtszeit. Nein, diesmal  ist die Tannenbaumwurst an der Reihe. Diese Mettwurst hat sich mein Schlachter ausgedacht. Das bisschen Grün am Rand ist Bärlauch. Mein Hassgewürzkraut!

Wer findet die Idee vom Schlachter witzig? Ich!

Leselust – Über Nadel und Faden

Die trüben Novembertage sind fast vorbei. Man denkt an Weihnachten und fragt sich, wer etwas geschenkt haben soll? Ein Geschenk liegt vor mir. Es ist ein kleines Buch, das zu stundenlangem Schmökern nur zu einem Thema einlädt:  Auf fast 200 Seiten quer durch die Literaturgeschichte erfährt man, wie Autoren und Autorinnen in ihren Schriften die unterschiedlichsten Textilherstellungsarten beschreiben. Der Titel: „Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden“

Hier beschreibt Susanne Schnatmeyer, die Autorin, wie sie gearbeitet hat.

Ich bin froh und dankbar, dass Archive, Bibliotheken und Inernetplattformen in zwischen ihre Bestände, – besser ihre Schätze – öffentlich zugänglich machen. Ohne die Möglichkeit der Onlinrecherche wäre diese Zitatensammlung nicht gelungen.

Ist das ein Buch für Frauen geworden?

Ja und nein. Ich hatte erwartet, dass handarbeitende Frauen in ihrer Freizeit zusammen saßen. Doch das war nicht immer so. Oft war es schwere Arbeit oder lästige Notwendigkeit. Weißnäherin, Spitzenklöpplerinnen und  Putzmacherinnen haben mit ihren Handarbeiten Geld verdient und ihre Familien ernährt.

Diese Berufe sind noch gar so lange verschwunden. Noch in der Mitte des letzten Jahrhunderts ging man zur Putzmacherin, und es kam eine Weißnäherin ins Haus.

Ja, so hat es mir meine Großmutter erzählt.

Welche Autoren und Autorinnen haben Sie zitiert?

Es sind 57 Fundstellen.. 35 Beiträge sind von Männern verfasst, immerhin 21 von Frauen. Fontane ist dabei, Goethe, Shakespeare… Marie von Ebner-Eschenbach…

Mir hat das Lesen Spaß gemacht, weil ich die meisten Autoren und Autorinnen vom Namen kannte und wieder an sie erinnert wurde. Du lieber Himmel, was habe ich schon alles in meinem Leben gelesen!

Mir ist es ähnlich ergangen. Und dann auch noch die Erkenntnis, dass es schon immer Menschen gegeben hat, die gehandarbeitet haben.

Mir fällt dazu meine Großmutter ein, die mir beim Strümpfe stricken geholfen hat. „Gib den Pruddellappen mal her“, hat sie einmal gesagt und den Absatz im Strumpf fertig gestrickt. Ich habe das nicht mehr gelernt. Zum Glück wollten es meine Enkelkinder auch nicht wissen.

 

Kurzbeschreibung

Eine großartige Fundgrube für alle, die wissen wollen, wie durch die Jahrhunderte in der Literatur mit Nadel und Faden gearbeitet wurde. Das Buch erinnert an verlorene Frauenberufe ebenso wie an vergessene Autorinnen, die in dieser Sammlung wieder eine Stimme bekommen.

Geschichten und Gedichte von Ringelnatz, Krüss, Dickinson, Fontane, Rilke, Goethe, Gomringer, Benn, Dohm, Ebner-Eschenbach, Droste-Hülshoff und vielen mehr.

ISBN 978-3-9819829-0-9, Verkaufspreis 18 Euro.

Dem Einband liegt ein Stickmustertuch zugrunde, das mit „JH Scholtz, Anno 1875“ signiert ist. Ist das nicht wunderbar, dass JH Scholtz (vermutlich ein junges Mädchen) mit der vermeintlich banalen Arbeit nun 140 Jahre später auf einem Buch verewigt ist?

 

 

Volkstrauertag

Morgen, Sonntag, 18. November, ist Volkstrauertag. Ich denke an meinen Onkel Heinz Bormann. Leutnant der Luftwaffe. Geboren am 15. November 1919. Verschollen im Februar 1945 in Posen, heute Posnan, Polen.

Das Erinnern an diesem Tag gilt den Toten zweier Weltkriege und den Opfern der Gewaltherrschaft aller Nationen. Doch an diesem Sonntag denke ich auch daran, dass an anderen Orten der Erde wieder Krieg herrscht: An der Grenze zum Gazastreifen beschießen sich Israelis und Palestinenser.

Ein Brief

Mich haben die Bilder von den Kämpfen am Gazastreifen an einen Brief erinnert, den mein Onkel am 7. Juli 1943 an seine Eltern schrieb. Darin beschreibt er eine Bombennacht im Ruhrgebiet:

…Das ganze Ruhrgebiet ist ein Frontgebiet. Wenn wir nachts auf unserer Befehlsstelle stehen und die Gefechtstätigkeit beobachten, dann ist das Bild um uns tatsächlich das Bild einer Schlacht. Über uns das immer neu auftauchende Flugzeuggeräusch, das während des Angriffs nie abreißt, das aufwärtsteigende Heulen der Flakgranaten. Ein Donnern und ein Krachen, wie es in einer Artillerieschlacht nicht schlimmer sein kann. Man sieht das Aufflackern der Brandbomben, die in langen Reihen in großer Anzahl hintereinander gefallen sind und sieht weiter, wie sich in der weiteren Umgebung Brände entwickeln, die den ganzen Himmel rot färben und  die Gegend hell erleuchten… Es ist furchtbar, was die Bevölkerung hier ertragen muß, aber einfach bewundernswert, mit welcher Haltung sie es hinnimmt…

Verlorene Heimat

Das geschah vor 75 Jahren. Heute können wir dankbar sein, dass wir in Friedenszeiten leben. Meine Großeltern haben zwei Kriege erlebt, meine Generation und die Generation meiner Eltern haben einen Krieg ausgehalten, viele sind aus ihrer Heimat vertrieben worden und mussten flüchten. Den Schmerz über die verlorene Heimat spüren manche immer noch. Heinz Bormann wäre vor ein paar Tagen, am 15. November 2018,  99 Jahre alt geworden.

Nachtrag
Ich bin heute, am Volkstrauertag, am Mahnmal gewesen, das in meiner Nachbarschaft steht. Es erinnert an die Toten beider Weltkriege. In einer kurzen Feier wurden Kränze niedergelegt und ein Posaunenchor spielte. Mit dabei waren zwei Pastoren, Politiker und Nachbarn. Es war ein ehrenvolles Gedenken.
Ganz anders verhielt sich heute der Bremer „Weser Kurier“. Er titelte auf Seite 1 „Happy Birthday, Micky Maus“.

Abend an der Unterweser

Abend an der Unterweser

Dieser „Torbogen“ steht an der Einfahrt zum Vegesacker Hafen. Die Bronzeplastik ist der Abguss eines Walkiefers. Er innert daran, dass von Vegesack aus vor rund 300 Jahren Schiffe zum Walfang nach Grönland fuhren. Die Wale wurden gejagt, weil u.a. ihr Fett (Tran) für Lampen gebraucht wurde. 1872 hörte die Jagd auf, denn man benutzte keine Tranlampen mehr, Petroleumlampen sorgten für Licht.

Ein neuer Feiertag

 

Heute ist Reformationstag. Ein Feiertag. Es ist Mittwoch, der 31. Oktober 2018.  Hier, in Bremen, ist der Tag zum ersten Mal ein gesetzlicher Feiertag. Erinnert wird damit  an die Veröffentlichung der 95 Thesen,  die Martin Luther vor einem halben Jahrtausend an die Tür der Wittenberger Schlosskirche angeschlagen hat. Es war sein Protest gegen den Ablasshandel der Kirche.
Seine Thesen sind heute kein Aufreger mehr. Doch für mich hat es sich gelohnt, dass ich mich ein wenig mit dem Menschen Martin Luther beschäftigt habe. Meinen  Martin Luther habe ich in dem kleinen Reclam-Bändchen 18802 „Luther zum Vergnügen“ gefunden. Herausgegeben von Johannes Schilling, der mit seiner Sammlung Lesern und Leserinnen ein sprachliches, ein geistiges, ein intellektuelles Vergnügen bereiten möchte. Das ist ihm mit mir  gelungen
Das sind meine Fundstücke:
  • Der Mensch ist ein Wesen, zusammengesetzt aus Leben und Tod, Lust und Trauer, Begierde und Überdruss, Liebe und Hass, Vernunft und Torheit.
  • Alle Menschen sind von Natur mehr Nach- als Vordenker, weil alle klug sind , nachdem etwas geschehen ist. Wir alle müssen Lehrgeld geben und aus Schaden klug werden.
  • Stellt euch vor, es gäbe das weibliche Geschlecht nicht. Dann würde das Haus und alles, was zum Haushalt gehört, zusammenstürzen, ebenso die Staaten und Gemeinden. Folglich kann die Welt die Frauen nicht entbehren, selbst wenn die Männer die Kinder selbst gebären könnten.
  • Man soll Frauen loben, sei  es wahr oder gelogen, sie bedürfen es wohl. (Männer, hört nicht auf ihn!)
  • Es ist kein Rock, der einer Frau oder Jungfrau so übel ansteht, als wenn sie klug sein will. (höhö, Herr Luther!)
  • Kleine Kinder, kleine Sorgen; große Kinder, große Sorgen.
  • Ich habe die Welt satt, wie sie mich auch satt hat. Damit bin ich auch ganz zufrieden. Sie meint, wenn sie mich nur los wäre, so wär es gut; das wird sie schon noch merken.
Mein letzter Satz  stammt natürlich auch von Martin Luther: Wohlan, ich habe euch allen genug geraten, christlich und brüderlich und ehrlich, Gott gebe, das es helfe.
Ich wünsche einen schönen Tag!

 

 

 

 

 

„Kind, lebe dein Leben“


Gerade hat in Frankfurt die Buchmesse stattgefunden. Sie gilt als die größte Buchmesse der Welt. In diesem Jahr waren mehr als 7.100 Aussteller aus rund 100 Ländern dabei, die über 400.000 Buchtitel, Landkarten, Manuskripte und Grafiken sowie Hörbücher und E-Books aller Themen vorstellten. Beklagt wurde auch in diesem Jahr, dass immer weniger Bücher gelesen werden. Und was bedeutet das? Für mich, dass etwas Wichtiges in meinem Leben für andere keine große Bedeutung mehr hat.

Ich bin mit Büchern aufgewachsen. Ich lese seit meinem achten oder neunten Lebensjahr beinahe jeden Tag. Immer wieder bin ich in Gedankenwelten eingetaucht, die meinen Alltag ergänzten. „Kind, lebe dein Leben“, hat meine Mutter einmal zu mir gesagt. Ich habe den Satz nicht vergessen, denn er sagt etwas Wichtiges aus. Ich habe mich ganz gut daran gehalten. Doch jetzt, in meinem Alter, beherzige ich ihn jeden Tag:

Ich lebe mein Leben

Ich esse, was mir schmeckt, aber nicht immer gesund ist.

Ich mache Sport, wenn ich Lust habe,

Ich gehe zum Einkaufen, ohne vorher in den Spiegel zu gucken.

Ich lade nicht mehr zu großen Festen ein, für die ich selbst koche.

Nun zu meinem Anliegen: Ich habe ein großes Bücherregal. Doch was kenne ich aus diesen Büchern? Und dann kam die Idee, daraus ein Spiel zu machen. Wie lauten die ersten Sätze in bestimmten Büchern? Ganz ehrlich: Ich konnte keine Frage aus dem Kopf beantworten. Aber wer kann es?

Hier sind meine Fragen (die ich selbst gar nicht beantworten konnte): Wie beginnen diese Lesestücke von:

  1. Uwe Tellkamp: Der Turm
  2. Margret Mitchell: Vom Winde verweht
  3. Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer
  4. Johann Wolfgang von Goethe: Dichtung und Wahrheit
  5. Märchen der Brüder Grimm

ZITATE

  1.  Am 28ten August 1749, mittags mit dem Glockenschlag zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich: die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an…

2. Es hatte ein Mann einen Esel, der ihm schon lange Jahre treu gedient, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen….

3. Er war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen…

4. Scarlett O`Hara war nicht eigentlich schön zu nennen. Wenn aber Männer in ihren Bann gerieten, wie jetzt die Zwillinge Tarleton, so wurden sie dessen meist nicht gewahr…

5. Die elektrischen Zitronen, aus dem VEB „Narva“, mit denen der Baum dekoriert war, hatten einen Defekt, flackerten hin und wieder auf und löschten die elbabwärts liegende Silhouette Dresdens…

Alles richtig? Gewusst? Geraten? Das Internet gefragt?

Mir hat dieser kurze Ausflug in mein Bücherregal Spaß gemacht.

Die Lösung: 1/5,   2/4,   3/3,   4/1,   5/1

 

 

Wo ist die Freude hin?


Tag der Deutschen Einheit“                                              Fliegen wohin man will!

Bei mir ist der „Tag der Deutschen Einheit“ ein „Saubermachtag“. Ich räume auf, lasse den Staubsauger laufen und denke nach: Warum schreiben Journalisten in diesem Jahr im Jammerton von der Wiedervereinigung vor 28 Jahren und nennen die Menschen in den neuen Bundesländern   „Jammerossis“? Mir gefällt das nicht. Als vor 28 Jahren die Mauer fiel, habe ich als Erstes gedacht: Wie schrecklich, alle, die in der DDR leben, ein ganzes Volk muss jetzt begreifen, dass alles, was es bis gestern gesagt, gedacht, getan hat, nicht mehr der „Norm“ entspricht. Was für eine Zumutung! Doch es gab ja die Freude, diese unbändige Lust, alle Welt zu umarmen.
Ich bin viele Jahre in der ehemaligen DDR herumgereist. Dort kenne ich mehr Städte und Landschaften als in Süddeutschland. Komme ich nach München und stelle mich als Bremerin vor, hat mich schon mancher besorgt angekuckt: Kann man denn unter Sozis leben? Schon seit 1945? Liebe Bayern: Es geht! Inzwischen regieren bei uns allerdings Politiker und Politikerinnen in einer Koalition aus SPD und Grünen.In den neuen Bundesländern ist diese Frage noch keinem eingefallen.

Nun wünsche ich mir, dass sich die Stimmung in den neuen Bundesländern aufhellt. Ein Trost am Ende: Wir haben in Norddeutschland auch Trauerecken. Mir hat gerade unser Regionalfernsehen „Buten un Binnen“ klargemacht, dass ich auch in einer Trauerecke wohne. Das wusste ich gar nicht! Denen habe ich aber meine Meinung gesagt!

Menschen, die ich getroffen habe:

https://kleinebrise.wordpress.com/2015/10/02/lieber-horst-liebe-traudel/

Aus meinem Alltag – neue Folge

Moderne Landschaft

Blick in die Osterstader Marsch, zwischen Elbe und Weser.

Sonntag, 2. September – 12 Uhr mittags.

Dazu noch ein paar Mitteilungen aus meinem Alltag.

*STERNCHEN-FRAU. Ich bin schon seit Jahren Mitglied in einem Schreibclub. Die Frauen sind ganz klar in der Überzahl. Nun haben wir einen neuen Leiter. Er ist nicht von uns gewählt worden, sondern war eines Tages da…. Dieser Mann  hat schönen frischen Wind mitgebracht. Doch eine Sache gefällt mir nicht: Seine Nachrichten beginnen immer mit Liebe Mitstreiter*innen! Wenn ich mich richtig informiert habe, soll das Sternchen darauf hinweisen, dass es eine Geschlechtervielfalt gibt. Doch muss ich daran jeden Tag erinnert werden? Kann es nicht weiter einfach heißen: Lieber Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen?

Ich hätte auch nichts dagegen, wenn die Mitteilung nur mit Liebe Mitarbeiter beginnen würde, ich würde mich trotzdem angesprochen fühlen…. Doch das verrät, dass ich alt bin, jüngere Frauen wollen keine Mitarbeiter sein, sondern Mitarbeiterinnen. Das akzeptiere ich. Doch eine *Sternchen-Frau möchte ich nicht sein. Gelernt habe ich nämlich  durch das Internet, dass es seit zwei, drei Jahren bestimmten Feministinnen nicht mehr  allein um Emanzipation geht, sondern sie wollen, dass wir die verschiedenen sexuellen Bedürfnisse des Menschen anerkennen (wieviel das sind, weiß man nicht genau). Dazu soll das Sternchen* dienen. Mir sagt das * nur, dass der Alltag komplizierter ist als ich bisher gedacht habe. Doch muss ich daran beim Schreiben immer denken? Nun warte ich ab, was der „Duden“ dazu sagt. Doch der wartet auch noch ab!

Eine kleine neue Korrektur habe ich gerade beim Zeitungslesen gefunden: Man schreibt nicht mehr die Reihenfolge Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sondern Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Top! Das gefällt mir! Aber nur, weil ich darüber lachen kann.

FIT BIS  IOO. Ich bin seit rund zwanzig Jahren Mitglied in einem Fitnessclub. Alles, was angeboten wird, nutze ich. Weil ich – meinem Alter entsprechend – eine Greisin bin, dachte ich: Nun probierst du mal den Kursus „Fit bis 100“ … Das habe ich heute gemacht. Mein Befinden: Lob von der Trainerin: Tänzerisch gut drauf…Es tut nichts weh. Gestolpert und umgefallen bin ich auch nicht. Doch am besten war, dass laute Schlagermusik gespielt wurde. Dazu bewegten sich meine Beine und Arme ganz ohne Mühe. Mein Fazit: Ich gehe wieder hin. Richtig ganz laute Tanzmusik darf bei mir zuhause nämlich nicht gespielt werden! Hüpfen darf ich auch nicht so doll, weil sonst der Fußboden schwankt…!

SOMMERLICH FESTLICH. Ich bin zu einer Goldenen Hochzeitsfeier eingeladen. Das freut mich. Auf der schriftlichen Einladung steht als Wunsch: Abendkleidung: bitte sommerlich festlich. Und nun? Ich habe alle Schrankecken leer geräumt und zur Auswahl gefunden:

Rock mit Schleppe,

Hose mit Seitenschlitzen,

Seidenkleid mit weitem Rock (rund 20 Jahre alt),

Rock in Schwarz,

Shirt, bunt, ganz neu (Herbstmode!).

Vier passende Schuhpaare, aber super unbequem.

Was ich anziehe? Drei Tage Bedenkzeit habe ich noch.