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Archiv für Oktober, 2017

Vor 50 Jahren in Bremen

Bremen nach 1968 – Eine Ausstellung – Ich erinnere mich

Im Bremer Focke-Museum kann man jetzt in einer Sonderausstellung nachvollziehen,  was in der Stadt zwischen 1968 und 1983 passierte: Es war die Zeit als Bremens wirtschaftlicher Absturz begann,  als Schüler auf der Straße protestierten, Frauen sich gegen den § 218 wehrten, die Werft AG-Weser geschlossen wurde und Stadtplaner und Architekten Hochhausburgen bauten. Wer die Ausstellung besucht, wird auf vielfältige Art angesprochen: Bei Älteren werden Erinnerungen wach. Jüngere staunen, wie bewegt Bremen vor rund fünfzig Jahren war.

Beteiligte erzählen

Der Raum, in dem die Ausstellung gezeigt wird, ist schwarz und dunkel. Das meiste Licht kommt von Fernsehern, die verstreut auf Tischen stehen. Über Kopfhörer erzählen Beteiligte von damals, an was sie sich erinnern. Joachim Barloschky gehört dazu. Er war als 16jähriger an den Schülerunruhen beteiligt und erinnert sich an Hermann Rademann, einen der Wortführer bei den Schülerprotesten gegen die Fahrpreiserhöhung bei der Straßenbahn.

Schülerprotest

Hermann Rademann, mein Bruder, war der Grund dafür, warum ich die Ausstellung besucht habe: Ich wollte wissen, ob er, im Rückblick auf die Schülerproteste, noch eine Rolle spielt. Auf einem Foto vom Januar 1968, das der Weser-Kurier zur Besprechung der Ausstellung, jetzt am 2. September, veröffentlichte, steht er noch zusammen mit Bürgermeisterin Annemarie Mevissen auf einer Holzkiste. Beide mit einem Mikrofon in der Hand und sein Name steht darunter. Im Ausstellungskatalog fehlt sein Name in der Bildunterschrift… Um es kurz zu machen: Nach fast fünfzig Jahren spielt Hermann Rademann in dieser Rückschau keine große Rolle mehr.

Ein Mensch

In dem dunklen Ausstellungsraum kommen meine Erinnerungen zurück: An den Bruder. An den kleinen Jungen, der mit seinem Charme alle einnahm. An den Wortführer der Schüler bei den Bremer Straßenbahnunruhen im Januar 1968, an seine Krankheit, seine Einsamkeit und seinen Freitod 1988. Neben hämischen Nachrufen (u.a. Barbara Debus in der taz)  gab es damals auch tröstende. Ulrich Reineking schrieb im „Bremer Anzeiger“: Ein Mensch (..) war Hermann Rademann (..).Die Welt, die es umdrehen wollte, hat ihn besiegt, aber nicht widerlegt… Ein Freund schrieb nach seinem Tod:…Hermann war von uns  allen derjenige, der am besten die Wünsche und Hoffnungen der Menschen verstanden hat…Hermann hat vor 10000 Menschen auf der Domsheide innerhalb  von Sekunden die richtigen Entscheidungen getroffen und die richtigen Worte gefunden, um die Dinge zu einem erfolgreichen Ende zu bringen…Viele von uns sind an der Zeit zerbrochen…Aber man muss auch die andere Seite sehen: Wir haben etwas ganz Besonderes und sehr viel Schönes und Aufregendes erlebt…“

Ja, so kann es einem in dieser Ausstellung ergehen: Erinnerungen kommen zurück, Altes wird zurechtgerückt, Blickwinkel ändern sich. Vielleich werde ich die Ausstellung noch einmal besuchen und dann verstehen, warum mich damals der Frauenprotest nicht interessiert hat, das Programm „Kunst im öffentlichen Raum“  dafür um so mehr und das bis heute!

Die Ausstellung läuft bis zum 1. Juli 2018. Dazu wird ein Rahmenprogramm angeboten. Alle aktuellen Informationen bekommt man unter http://www.focke-museum.de  .

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Ich bin wieder da!

April bis Oktober. Mehr als ein halbes Jahr ist um. Ich  bin wieder da!

Was ist aus mir geworden?

Das Leben ist weiter gegangen. Es lässt sich gut aushalten. Nur mein Herz klappert und flattert. Zehn Tabletten jeden Tag sollen es beruhigen. Tun sie.

Zwei Krankenhausaufenthalte haben mich allerdings das Fürchten gelehrt. Das betrifft nicht die ärztliche Versorgung, mit der ich zufrieden war, sondern die Betreuung für mich im Bett. Das war die tägliche Vorstellung:

Es zeigt sich keine freundliche Krankenschwester, die sich nach meinem Befinden erkundigt, sondern es kommt eine gelehrte Person mit einem Computer herein gefahren, die kompetent den Ärzten assistiert, mich aber wie ein Stück Holz behandelt. Niemand hilft beim Waschen, Betten werden nicht mehr aufgeschüttelt, das Essen wird im Pappkarton auf den Tisch gestellt. Meine Zusatzversicherung ( für ein Einzelzimmer), für die ich rund vierzig Jahre gezahlt habe, hilft mir nicht. Ich liege in einem Zweibettzimmer. Zum Glück mit einer netten alten Dame. Wir vertragen uns gut. Vorgesehen war das nicht, denn ich hatte einen Termin im Krankenhaus für meine Behandlung. Das Einzelzimmer war bestellt, doch – leider, leider, leider – auf der Station wusste man nichts von meiner Ankunft. Daher meine Aufnahme in einem Zweibettzimmer.

Zwischenschub: Das Pflegepersonal streikt. Es will mehr Zeit für die Patienten haben.

Meine Frage: Was wollt ihr denn mit der Mehr-Zeit anfangen? Wirklich wieder Betten aufschütteln und Essen austeilen?

Mein Vorschlag: Lasst euch ruhig weiter zu (Arzt)Assistenten ausbilden. Empathie ist dafür nicht so wichtig. Aber sorgt dafür, dass es wieder eine Ausbildung zur guten alten Krankenschwester gibt, für die ein einfacher Schulabschluss genügt. Wer Freundlichkeit und Zuversicht ausstrahlt, kann Kranken auch guttun. Einfühlung und Zuwendung bekommt man nicht durch hohe Schulabschlüsse zensiert. Lasst die gute alte Krankenschwester wieder arbeiten. Sie war ein Segen für die Kranken.

Ich habe es übrigens auch ein bisschen lustig gehabt. Zwei Tage habe ich auf der Normalstation in einem Vier-Bett-Zimmer geschlafen. Wir waren eine fröhliche Gang, mit Herz-Schmerz-Problemen –  und fast ohne Krankenschwestern. Und ganz ohne Chefarztbesuch.

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