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Archiv für September, 2015

Grüße aus meiner Vergangenheit

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Zum Internationalen Tag der älteren Generation am 1. Oktober:

BRIGITTE WIR – Ein neues Magazin für Frauen ab 60 – Das ruft bei mir Erinnerungen wach 

Ob sich heute noch jemand an die Frauenzeitschrift Constanze erinnert? Meine Mutter und ich haben sie mit Hingabe gelesen. Das war in den fünfziger Jahren. 1969 verschwand sie vom Markt. Nur im Titel der Frauenzeitschrift Brigitte durfte sie noch bis 1978 ein bisschen weiterleben.

Ist Constanze nun wieder da? Geschaffen von ihren Enkelinnen? Auf diesen Gedanken bin  ich jedenfalls gekommen, als ich Brigitte Wir im Zeitschriftenkiosk  liegen sah. Mit dem Hinweis: Neu – Das Magazin für Frauen ab  60 – Neu.

Tatsächlich: Ein Magazin nur für alte Frauen, denn bevor ich das Heft überhaupt aufgeblättert hatte, bekam ich schon ein dickes Lob: ….wir ziehen den Hut vor Ihnen. Sie haben sich durch alle Stürme des Lebens gekämpft  und sind aktiver als jede Generation davor. Höchste Zeit für ein Magazin über Ihr Leben, Ihre Themen, Ihre Interessen.

Klingt gut, doch gekauft habe ich das Heft auch, weil mir das Titelbild mit dem Model Carla von  Bergmann (64) ganz besonders gut gefällt. Wer auch im Alter noch so fröhlich lachen kann, braucht sich vor der Zukunft nicht zu fürchten. Dachte ich, las aber auf Seite 117, dass Carla von Bergmann vor einigen Jahren an Brustkrebs erkrankt ist…

Doch wie komme ich von Brigitte Wir zur Constanze?

Ich habe Anfang der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts (huch, wie lange ist das denn her?) als Jungredakteurin bei der Constanze gearbeitet. Constanze war nämlich zur auflagenstärksten Frauenzeitschrift empor gestiegen. Dadurch waren die Anzeigenpreise in die Höhe geschnellt und Constanze durch die Anzeigen dick und fett geworden. Daher  entschloss sich der Verleger John Jahr, Constanze nicht mehr alle vierzehn Tage, sondern jede Woche erscheinen zu lassen. Und weil sich niemand in der Redaktion überarbeiten sollte, wurden ein paar Jungredakteurinnen eingestellt. Hauptaufgabe war, dass man im Constanzestil schreiben konnte. Mir gelang das, weil ich das Magazin ja schon lange Jahre gelesen hatte. Ich bekam meinen Platz in der Kosmetikredaktion, zuständig für Texte und Leserbriefe. Keine aufregende Sache. Nach zwei Jahren kündigte ich und heiratete. Sehr zum Ärger meines Großvaters und Vaters, weil ich die sichere Stellung einfach aufgegeben hatte. Heute verstehe ich ihren Ärger: Ich hatte mein eigenes Einkommen aufgegeben. Aber ich war sicher, dass ich eines Tages mit meinem Mann „Goldene Hochzeit“ feiern würde. Ohne eigenes Geld verdienen zu müssen. Ich habe recht behalten.

Nun noch einmal zu meinem Vergleich von Brigitte Wir und  Constanze.

Ihre Inhaltsverzeichnisse ähneln sich. Im Angebot sind Lebensberichte über erfolgreiche Frauen, dazu Themen aus Kultur, Kosmetik, Psychologie, Medizin, Reise. Nur die Mode spielt in Brigitte Wir keine große Rolle. Sie kommt erst am Ende des Heftes ins Blickfeld. In der Constanze war das immer das erste Thema.

Zum Thema „Wohnen“ haben beide Zeitschriften auch etwas zu sagen. In der Constanze vom März 1963 wird eine Eigentumswohnung gelobt, in Brigitte Wir bekommt man zu diesem Thema ein kleines Serviceheft als Extreinlage. Man erfährt, wie man am besten als alter Mensch eine Wohnung einrichtet. Nur Dr. Eva Wlodarek, Psychlogin, ist mir mit einigen ihrer Überlegungen auf den Geist gegangen. Sie schlägt mir zum Beispiel vor, gründlich meine Sachen zu entrümpeln. Für sie bin ich ein Einzelwesen, das keine Rücksicht auf die Gefühle anderer nehmen muss. Familienerbstücke gibt es für sie nicht. Die kostware Vase, die meine Schwiegermutter mit in die Ehe gebracht hat: Weg damit !? Dazu die Lexikonreihe von 1897, weil Bücher nur Papier sind... Weg damit !? Das habe ich gar nicht gerne gelesen.

Das BRIGITTE WIR Team  besteht aus sechs Frauen über 55!

So, liebe Damen, wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich ihr Magazin vielleicht nicht gekauft, denn fast 55 Jahre alt sind meine Töchter, die anders leben als ich.  Ab 60 gehört man zu einer anderen Generation, Altersangaben nach oben offen. Aber machen Sie nur so weiter. Ihre nächste Ausgabe soll am 25. November erscheinen. Ich lasse mich überraschen.

Der Internationale Tag der älteren Generation wurde 1990 von der UNO eingeführt.

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Flüchtlinge 1945, Flüchtlinge 2015

Fragen aus der Vergangenheit – Wie kann ich helfen ? – Ein Link

Die Berichte über die Flüchtlinge, die jetzt täglich nach Deutschland kommen, haben bei mir Erinnerungen an die Vertriebenen geweckt, die nach 1945 bei uns ein neues Zuhause suchten. Die Eindrücke ähneln sich. So habe ich als Kind beobachtet, dass die Vertriebenen,  die alles verloren hatten, nicht immer freundlich aufgenommen wurden. Als ich 1946 eingeschult wurde, saßen in meiner Klasse viele Flüchtlingskinder. Ein Thema war das nie. Dass ihre Familien oft alles verloren hatten, kein Wort darüber.

Gerade sind wir wieder zu unserem jährlichen Klassentreffen zusammen gekommen. In der Abschlussklasse waren wir  siebzehn. Bei diesem Treffen waren wir acht. Ich war die einzige dabei, die aus ihrer Heimat nicht vertrieben wurde. Bewußt ist mir das erst in späteren Jahren geworden. Gesprochen habe ich bis heute mit keiner meiner Mitschülerinnen über die Schrecken ihrer Vergangenheit. Auch auf dem Klassentreffen kam darüber kein Gespräch zustande.

Zusammen haben wir erlebt, wie aus dem zerstörten Deutschland eine gemeinsame Heimat wurde, ohne Not und Elend. Genügte das nicht? Jetzt kommen wieder Flüchtlinge. In München werden sie mit Beifall empfangen. In  anderen Bundesländern brennen  Flüchtlingsheime. Was für ein Widerspruch.

Was können wir  tun? Mein Eindruck ist: In meiner Generation, die die Vertreibung und ihre Folgen miterlebt hat, wartet man ab. So wie ich. Hat Angela Merkel nicht gesagt: „Wir schaffen das!“? Ja, ich glaube auch, dass wir das schaffen. Und ich sehe mich inzwischen um, wo ich helfen kann. Ein paar Links habe ich schon gesammelt. Dieser hier ist einer davon: http://www.blogger-fuer-fluechtlinge.de/

Eine Ruine aus Pappe

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Ausstellung in drei Sälen der Bremer Kunsthalle – Thomas Hirschhorn zeigt „Nachwirkung“

Hallo, was ist denn in der Bremer Kunsthalle los? Findet man hier nicht Meisterwerke der europäischen Malerei vom Mittelalter bis in  die Gegenwart? Doch, alles ist wie immer noch schön beisammen. Doch wer die Bilder sehen will  muss dazu wie gewohnt ein paar Treppen hochgehen.

Wer aber Lust auf Neues hat und neugierig darauf ist, was Künstlern heute einfällt, um sich und uns die Welt zu erklären, der geht vom Eingang geradeaus durch die Tür zum großen Saal und steht dann mitten in einer Ruine. Alles, was hier wie zerstörtes Mauerwerk und rostige Stahlträger aussieht, ist aus Pappe. Der Fußboden ist uneben und klebt. Wer nicht aufpasst (so wie ich) zieht dann schon einmal ein Bündel Paketklebeband hinter sich her, denn dieses Klebeband hängt überall herum. So mit sich selber beschäftigt (schließlich musste ich aus dem  Klebebandknäul wieder herausfinden) kann es einem passieren, dass man die vier Kunstwerke aus dem Bestand der Kunsthalle, die hier in der Ruinenlandschaft hängen, übersieht.

Erklärung im Begleitheft

In der Pressekonferenz erläutert  Thomas Hirschhorn, warum  er gerade diese Werke ausgesucht hat und warum sie schief hängen. Dass sie mit Absicht schief hängen, amüsiert mich.  Was einem Künstler heute alles so erlaubt wird! Dafür gefällt mir etwas anderes gut: Thomas Hirschhorn erklärt in einem Begleitheft, warum er seine neue Arbeit für die Kunsthalle Bremen Nachwirkung nennt. Er möchte mit seiner Ruine kein billiges Sinnversprechen geben,  jede Gewissheit soll verschwinden. Ich konnte mich in dieser über drei Räume gehende Installation – mit dieser Erklärung im Kopf – gut auseinandersetzen. Aufgeschreckt wurde ich allerdings, als es hinter einem Pappmäuerchen knallte,  so als sei ein Luftballon zerplatzt. Das war nicht vorgesehen: Jemand hatte sich auf eine Pappstufe gesetzt und die war prompt zerplatzt. Gewissheit  gibt es tatsächlich nicht in dieser Ruine.

Die Hirschhorn-Ausstellung wurde vom Förderkreises für Gegenwartskunst im Kunstvereein Bremen initiert. Seit 1971 unterstützt der Förderkreis jedes Jahr eine Ausstellung zur Gegenwartskunst und setzt sich für Ankäufe ein. Die Hirschhorn-Ausstellung endet am 17. Januar 2916.

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Zu den Fotos: Thomas Hirschhorn (rechts) erläutert, warum er das Gemälde „Der Abenteurer“ von Arnold Böcklin (1827-1900) in seine „Ruine“ gehängt hat. Prof. Dr. Christoph Grunenberg, Direktor der Kunsthalle, hört ihm zu. Daneben – in  einer anderen Ecke dieser großartigen Installation  – ein Graffiti.

Erster Schultag, 7. August 1944

Schulstart damals und heute – Vom Mangel zum Überfluss

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Der Junge auf dem Foto ist im letzten Kriegsjahr in einem Vorort von Bremen eingeschult worden. In seiner Welt war noch alles ziemlich in Ordnung. Sein Vater war nicht Soldat, sondern sorgte in seiner Bäckerei dafür, dass Soldaten Proviant bekamen. Und er bekam alles, was damals in der Schule gebraucht wurde: Ranzen, Schiefertafel, Putzlappen zum Abwischen der Kreide und eine Schultüte. Auch zum Anziehen gab es genug. Von meinem ersten Schultag, ein Jahr später, gibt es kein Foto, denn mein Vater war in Kriegsgefangenschaft, sein Fotoapparat war vermutlich verloren gegangen. Ob ich einen Ranzen hatte, weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich, dass mir meine Mutter aus aufgeribbelter Wolle Strümpfe und einen Pullover gestrickt hatte. Auch eine Schultüte hatte sie für mich besorgt, allerdings ohne Süßigkeiten, dafür hatte sie eine kleine Puppe hineingesetzt. Passende Schuhe für mich hatte meine Mutter  nicht aufgetrieben, dafür hatte der Schuster mein einziges Paar aus Leder vorne aufgeschnitten, damit die Zehen genug Platz hatten.

Und heute?

Im Lokalteil vom Bremer Weser-Kurier wird einen Tag vor Beginn des neuen Schuljahres vorgerechnet, was es heute kostet, wenn ein Kind zum allerersten Mal in die Schule geht: oftmals einen dreistelligen Betrag….Dazu findet sich in der Ausgabe auch eine Liste mit allen Dingen, die ein Kind zum Schulstart braucht, zusammengestellt von einer Grundschule in einem Bremer Stadtteil, in dem Armut kein Fremdwort ist. Es sind  25 Positionen, unter anderem soll das Kind eine Brotdose, Trinkflasche, Hausschuhe, Turnbeutel (Turnschuhe mit heller Sohle…) mitbringen und auch Tuschkasten, Buntstifte, Radiergummi (3) und verschiedene Hefte…in seinem Ranzen haben.

So war es gestern!

Seit 1947 steht in der Bremer Landesverfassung, dass für alle Schüler die Lern- und Lehrmittelfreiheit gilt. Und tatsächlich habe ich das erlebt und auch für unsere Kinder mussten mein Mann und ich  keine Hefte,  Tuschkasten und  Bücher kaufen. Bei meinen Kindern wurden Hefte und Tuschkasten sogar so üppig verteilt, das heute (rund 35 Jahre später) immer noch ein Rest Hefte und ein Tuschkasten von den Enkelkindern genutzt wird. Für alles andere – Sportkleidung zum Beispiel – mussten wir Eltern dann aber auch sorgen. Zum Glück wurden aber keine Hausschuhe verlangt und auch Brotdose und Trinkflasche waren damals noch unbekannte Utensilien.

Ich bin froh, dass ich diese üppige Wohlstandswunschliste nie erfüllen musste.

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