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Archiv für August, 2015

Für Johanna und Johann zum Geburtstag

Freitag, 28. August. Heute hat meine jüngste Enkelin Johanna Geburtstag. Es ist ihr siebter. Sie ist genau an dem Tag geboren, an dem auch unser deutscher Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe 1749 auf die Welt kam. Die Süddeutsche Zeitung erinnert heute daran, dass Goethes Geburtstag noch lange nach seinem Tod (1832) gefeiert wurde. Heute nicht mehr. Wenn meine Informationen stimmen, bekommt Johanna in der Schule nur noch wenig von Goethe zu hören. Seine Sprache ist nicht mehr verständlich. Im Deutschunterricht haben andere Themen Vorrang. So habe ich noch mit meinen Klassenkameradinnen sein Trauerspiel Egmont mit verteilten Rollen gelesen. Auch  über seine schönsten Gedichte haben wir gesprochen und die Wahlverwandschaften gelesen.

Seine Literatur soll nicht mehr verständlich sein? Johanna, wie findest du dieses Gedicht? Das verstehst du doch?

Woher sind wir geboren?

Woher sind wir geboren?
Aus Lieb.
Wie wären wir verloren?
Ohn‘ Lieb.
Was hilft uns überwinden?
Die Lieb.
Kann man auch Liebe finden?
Durch Lieb.
Was läßt nicht lange weinen?
Die Lieb.
Was soll uns stets vereinen?
Die Lieb.

Anmerkung für Mama und Papa: Ich habe den Titel geändert. Richtig muss es heißen: „An Charlotte von Stein“. Erinnert ihr euch, welche Rolle die Dame in Goethes Leben gespielt hat?

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„Viel Rummel mag sie gern“

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Das ist Pudeldame Kreva. Neun Jahre alt. Ich bin ihr auf der Sail in Bremerhaven begegnet. Betreut und geschoben von ihrem Frauchen. 81 Jahre alt. „Kreva braucht Unterhaltung. Rummel mag sie gern“, erzählte mir ihre Besitzerin, gestützt auf ihren Rollator. Und wie man sieht, geht es Kreva gut: Sie sitzt weich und luftig, vor sich ein gut gefüllter Trinknapf. Um sie herum so viele Menschen wie noch nie, denn am Ende waren es über eine Million Besucher, die sich das große Schiffetreffen (12.-16. August) angesehen haben.

Segelschiffe aus aller Welt in Bremerhaven

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Ich war wieder unterwegs. Gestern war mein Ziel Bremerhaven , denn dort fand die  Sail Bremerhaven 2015  statt. Wer nicht viel weiß vom Leben auf See, kann sich darunter vielleicht nichts Besonderes vorstellen. Doch ich wusste, was mich erwartet: Über 200 stolze, große Segelschiffe  aus aller Welt, zu bewundern und zu besichtigen in drei Häfen.  Und wieder habe ich Herzklopfen bekommen, von dem was ich sah:  Alle Segler, die in den Häfen lagen, waren der Beweis von großer Schiffbauerkunst und  Ausdruck von Schönheit. Gesegelt von Mannschaften, die sich von überall auf der Welt auf den Weg nach Bremerhaven gemacht haben. Und das auch noch: Einige Großsegler auf der Sail sind einst auf Werften in Bremerhaven gebaut worden.

Mit Kindern unterwegs

Märchenhaftes rund um den Bremer Marktplatz – Mein Rundgang

Wer jetzt in der Ferienzeit Bremens Hauptsehenswürdigkeiten rund um den Marktplatz mit Kindern erkunden will, braucht keine Angst zu haben, dass sich jemand langweilt. Man kann den kleinen Besuchern und Besucherinnen nämlich schon vorher versprechen, dass man ihnen einen Riesen, sieben faule Brüder, die Bremer Stadtmusikanten, ein Huhn im Nest  und einen Dino zeigen wird.

Wer sich auf den Weg machen will, muss allerdings ein bisschen vorausdenken, denn der Marktplatz – Bremens gute Stube – ist oft genug voller Besuch.  Schön ist es immer wieder am Sonntag morgen, wenn der Himmel blau ist, und die Sonne scheint.

Der beste Ausgangspunkt für diese Mini-Tour ist das Rathaus, denn dort findet man gleich  zwei  Attraktionen: Die Bremer Stadtmusikanten und die Gluckhenne.

Doch erst einmal sehen wir uns den Riesen vor dem Rathaus an. Er heißt:

Roland

An ihm kann man betrachten, wie die Ritter gekleidet waren, und erzählen, dass sie vor vielen hundert Jahren lebten. Ritter lebten auf Burgen und mussten oft in den Krieg ziehen. Daher mussten sie sportlich sein und sich auch immer gut benehmen ( zum Beispiel durften sie am Tisch nicht „wie ein Schwein schnaufen und schmatzen, nicht rülpsen und die Nase nicht im Tischtuch abputzen“). Und man kann ihnen vormachen, wie die Bremer früher plattdeutsch mit ihrem Roland sprachen und scherzhaft fragten:“ Roland mit dat spitze Knee, segg mi, deit di dat nich weh?“

Und natürlich darf der Hinweis nicht fehlen, dass Roland an diesem Platz stehen muss, damit jeder weiß, dass in Bremen nur Bremer das Sagen haben.

Die Gluckhenne

Wenn man vom Roland aus auf die Rathausfassade blickt, kann man versuchen, die Gluckhenne zu finden: Die Glucke sitzt in einem Körbchen im Steinrelief im rechten Zwickel über dem zweiten Rathausbogen von links. Das Körbchen liegt auf dem Arm einer Frau, die schon ein bisschen verwittert aussieht. In dem Körbchen sitzt eine Henne mit ihren Küken,  dabei kann man die Geschichte von der Gründung der Stadt erzählen, die Friedrich Wagenfeld in seinem Buch „Bremens Volkssagen“ veröffentlicht hat.

Vor vielen, vielen Jahren haben in paar Schiffer auf der hohen Düne, wo heute der Dom steht, übernachtet. Warum? Weil sie Angst vor dem Hochwasser  der Weser hatten. Auf der Düne hatte ein Vogel sein Nest gebaut. „Wenn der Vogel sich sicher fühlt, können wir auch bleiben“, sagten  sich die Fischer und lebten dort bis an ihr gutes Ende. Sie waren die ersten Bremer.

In der Böttcherstraße gibt es auch noch eine Skulptur mit einer Henne im Nest. Aber wo?

Die Geschichte steht hier: http://www.sagen.at/texte/sagen/deutschland/bremen/bremergluckhenne.html

Die Bremer Stadtmusikanten

Die bekannteste Abbildung der Stadtmusikanten steht an der Westseite des Rathauses. Die Geschichte kennen die Kinder vermutlich. Aber auch ihr Geheimnis? Warum hat der Esel wohl so blanke Füße und eine goldige Schnauze? Psst:… Wer dort anfasst, darf sich etwas wünschen. Und bei jedem Wunsch, der in Erfüllung geht, leuchten die Füße ein bisschen heller….

Tja, und wer findet nun noch die anderen Stadtmusikanten, die ganz in der Nähe über den Straßenbahnschienen schweben? Richtig, sie sitzen im Laternenausleger am Deutschen Haus.

So, und was kommt jetzt? Jetzt wollen wir den Dino suchen und die sieben faulen Brüder angucken. Wir überqueren den Marktplatz und finden neben dem Schütting den Eingang zur Böttcherstraße. Und dort leuchtet auch schon

Der Lichtbringer

„Guck, Dinos habt Ihr hier auch“, hat ein Junge einmal auf einer Stadtführung gerufen und auf den Drachen gezeigt, mit dem der Lichtbringer kämpft und damit jede ernsthafte Beschreibung des großen Eingansreliefs über der Böttcherstraße überflüssig gemacht.

Dafür war der Junge neugierig auf

Sieben faule Brüder

Man findet sie gleich zweimal in der Böttcherstraße: Einmal direkt über dem Eingang stehen sie auf dem Dach und gucken zum Rathaus hinüber, und im Handwerkerhof  liegen die Sieben ganz faul um den Brunnen herum, auf dem auch noch die Bremer Stadtmusikanten einen Marsch machen.

Dort ist ein guter Platz, um die Geschichte von den sieben faulen Brüdern zu erzählen. Die Geschichte findet man in dem Volkssagenbuch von Friedrich Wagenfeld. Man hat ihnen hier ein Denkmal gesetzt, weil die Sieben intelligente Faule waren. So sollen sie zum Beispiel Deiche gebaut haben, weil sie trockenes Heu ernten wollten, und sie zogen Dornenhecken um ihre Gärten, weil sie zu faul waren, nachts die Kaninchen aus dem Kohl zu vertreiben…Durch ihr Nachdenken hatten sie viel freie Zeit und konnten ihren Nachbarn oft bei der Arbeit zusehen. Doch die Nachbarn begriffen das nicht und nannten die Brüder „die sieben Faulen“!

Mich haben sie inspiriert, folgenden Schluss für diese Mini-Märchen-Tour vorzuschlagen:

Alle Kinder, die mitgekommen sind, werden zum Kuchenessen in ein Cafe eingeladen. Dort macht man es wie einst die sieben Faulen: Man ruht sich aus, denn man hat ja gut zugehört und auch nicht rumgetrödelt. Bloß vergessen hat man was: Man hat sich nicht die Gluckhenne in der Böttcherstraße angekuckt: Die sitzt oben unter dem Glockenspiel. Und was hatte die überhaupt mit Bremen zu tun?

Eine Trauerfeier ohne Trost

Birgit ist tot. Sie war meine Nachbarin. Sie ist 76 Jahre alt geworden. Sie hatte Lungenkrebs. Das sollte aber keiner wissen. Birgit wollte ihren Tod mit sich alleine ausmachen. Ein paar Tage vor ihrem Tod habe ich sie noch gesehen. Sie wurde auf einem Stuhl aus dem Haus getragen und in einen Krankenwagen gesetzt. Sie sah freundlich aus. Wie immer. Sie hat gewinkt.

Dann machte die Nachricht von ihrem Tod die Runde. Gestern hat in einem Beerdigungsinstitut die Trauerfeier stattgefunden. Rund achtzig Familienmitglieder, Freunde und Bekannte hatten sich für Birgit auf den Weg gemacht. Ihr Sarg stand vor einem großen bunten Fensterbild,  geschmückt mit Blumen und Kränzen. Ich begriff: Birgit hatte keiner Kirche angehört.  Sie war zwar mit mir konfirmiert worden, muss aber irgendwann der Kirche den Rücken gekehrt haben.

So kam zu Birgits Trauerfeier auch nicht der Pastor der Gemeinde, sondern eine Trauerrednerin. Sie trat in einem zerknitterten weißen Sommerkleid hinter das Mikrofon, um den Hals einen grünen dicken Schal,  modisch zu einer Rolle verschlungen. Bevor sie ihre Trauerrede begann, schaltete sie die Musik ab, um sie dann, nach der ersten Hälfte ihres Berichtes,  wieder einzuschalten, denn wir – die Trauergäste –  sollten uns ein paar Minuten  unsere eigenen Gedanken machen. Stehend. Dann erfuhren wir den zweiten Teil des Lebensberichtes . Am Ende wurden wir wieder aufgefordert, uns zu erheben und die Trauerrednerin sprach einen Text, der sich wie ein Gebet anhörte. Aber er schloss nicht mit einem Amen. Die Trauerrednerin fand ihren eigenen Schluss. Sie verließ mit langsamen Schritten den Raum, und wir folgten ihr. Am Sarg vorbei. Kein Hinweis, ob Birgit in ihrem Sarg beerdigt wird oder in einem Krematorium verbrannt wird. Kein Segenswunsch war zu hören.

Ein bisschen verloren standen wir später auf der Straße. Mich hat diese weltliche Trauerfeier traurig gemacht. Traurig, weil Birgit in  ihrem Sarg allein zurück blieb, ohne Fürbitte und Segen. Ungesagt blieb auch, wo ihr Grab sein wird. Dafür hat sie uns ihren eigenen Trost mit auf den Weg gegeben. In ihrer Traueranzeige stand ein Spruch von Konfuzius:

Leuchtende Tage.

Nicht weinen, dass sie vorüber.

Lächeln, das sie gewesen.

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