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Archiv für November, 2013

Eine Frau allein auf der Bühne

„La Traviata“ – Opern-Premiere im Theater Bremen – Ohne romantische Liebe

Ich war in der Oper. Ich habe die Premiere von Giuseppe Verdis „La Traviata“ im Bremer Theater gehört. Für mich eine der schönsten Verdi-Opern. Einen Freund rührt die Musik und Handlung sogar jedesmal zu Tränen.

Wenn er bei dieser Premiere dabei gewesen wäre, hätte er bestimmt seinen Augen und Ohren nicht getraut, denn die Handlung hat Regisseur Benedikt von Peter radikal verändert. Auf der Bühne werden keine rauschenden Feste gefeiert, auf denen die schöne Prostituierte Violetta Valéry der Mittelpunkt ist. Auf der Bremer Theaterbühne am Goetheplatz steht die Hauptdarstellerin ganz allein. Um sie herum ein paar Requisiten – ein Fenster, eine Tür, Tisch und Stühle. Und das für zwei Stunden, 15 Minuten. Ohne Pause.

Zu Anfang in Turnhosen

Das Orchester sitzt nicht mehr vorne im Graben, sondern hinten auf der Bühne. Getrennt zur Bühne durch einen durchsichtigen Vorhang. Davor bewegt sich Violetta. Zu Anfang in Turnhosen, später in einem Tüllkleid mit roter Schürze. Auf dem Boden liegen Luftschlangen. Violetta, gesungen und gespielt von Patricia Andress, ist ein verlorenes Menschenkind, das nach Liebe sucht. Allein auf der Bühne. Die volle Zeit.  Chor, Sänger und Sägerinnen singen vom Rang hinunter ihr entgegen.

Keine romantische Liebe

Diese Interpretation der Oper hat mich zu Anfang irritiert. Warum darf Violetta niemanden berühren? Selbst als sie, die wohl an Schwindsucht leidet, stirbt, bleibt sie allein. Im Original lässt Verdi sie in den Armen ihres Geliebten sterben. In der Bremer Inszenierung lebt sie in einer Traumwelt. Alle, die ihr nahe stehen, sind weit weg. Selbst im Zuschauerraum, wo sie auf zwei Stuhllehnen steigt und ihre Arme bittend hebt, bleibt jede Berührung aus. „This is for you“, sagt sie am Ende ins Publikum, und ich möchte sie dafür in die Arme nehmen, so sehr hat mich ihr Spiel berührt.

Großer Beifall

Das Publikum dankt ihr mit großem Beifall (ich habe nur einen Buh-Ruf gehört). Endlich dürfen auch die anderen Darsteller auf die Bühne. Alle, auch die Chormitglieder, unauffällig schwarz gekleidet. Natürlich bekommen auch sie ihren Beifall, ebenso wie die Bremer Philharmoniker und das Regieteam.

Ich hatte mich auf diesen Abend gefreut, auf große Musik, schöne Bilder und romantische Liebe. Bekommen habe ich die Musik und wieder einmal die Erfahrung, dass  Opern keinesfalls den Beschreibungen entsprechen müssen, die ich in meinen Opernführern finde. Im Bremer Theater hat mir die Lektion gefallen.

Eine Fotostrecke zur Aufführung findet man hier:  http://www.weser-kurier.de/start/fotos/freizeit8_galerie,-Einblicke-in-La-Traviata-_mediagalid,24181.html

„La Traviata“ wird zur Saisoneröffnung an der Mailänder Scala am Sonnabend, 7. Dezember, 20.15 Uhr aufgeführt und von Arte live übertragen.

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Noch einmal: Liebesschlösser

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Ein schönes Symbol für gute Wünsche: Die Liebesschlössersammlung in Warnemünde an der Brücke über die Warnow. Warum ich ausgerechnet auf diese Sammlung gestoßen bin, ist  eine (winzige) Folge der Wiedervereinigung.

Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, saßen wir in einer Kneipe am Vegesacker Hafen. Als wir begriffen hatten, was gerade in Berlin passierte, war auch bei uns die Freude riesengroß. Wir fielen uns um den Hals, manche weinten. Der Wirt ließ die Sektkorken knallen und hatte dann eine grandiose Idee: „Ich kenne da einen in Rostock, der Hafenstadt an der Ostsee. Da fahren wir hin“, rief er. „Das müssen wir feiern. Ich bestelle einen Bus.“ Und tatsächlich: Die Freude schlug so hohe Wellen, dass wir mit drei Bussen nach Rostock fuhren. Und als wir auf dem Rostocker Marktplatz ankamen, warteten dort Hunderte von Rostockern, um uns zu begrüßen. Wir waren überwältigt. Die Freude über die Wiedervereinigung war auch in Rostock riesengroß.

Gute Freunde

Wir haben damals ein Ehepaar kennengelernt, mit dem wir bis heute befreundet sind. Neulich haben wir die beiden wieder einmal besucht. Sie wohnen immer noch in der kleinen Wohnung, in die sie uns damals eingeladen hatten. Wir schwelgten ein bisschen in Erinnerungen: „Weißt du noch, wie ich dich gebremst habe, als du viel zu billig unser Geld in eures umgetauscht hast?“ „Und wie ihr uns im Trabbi nach Warnemünde gefahren habt? Auf autofreien Straßen?“  „Und wie du uns zwei Pfund Kaffee geschickt hast, weil du meintest, ihr hättet uns das teure Getränk weggetrunken? Dass Kaffee eine Rarität war, hatte sich bei euch ja längst rumgesprochen.“

In Warnemünde

Wie damals vor 24 Jahren sind wir wieder nach Warnemünde gefahren. Nicht mehr im Trabbi, sondern im komfortablen Opel. In Warnemünde hat sich das Stadtbild kaum geändert. Wie eh und je gehen die Warnemünder am Strand spazieren, sitzen auf der Mole und blicken über die Ostsee. Auf der Brücke über die Warnow habe ich dann die Liebesschlösser gesehen. Eine viel prächtigere Sammlung als in Vegesack ( zum Artikel „Du bist min, ich bin din“).

Ach, so, das will ich auch noch erzähen: Bremen-Vegesack und Warnemünde sind Partnerstädte geworden. In Vegesack gibt es jetzt sogar einen Warnemünder Weg.

Alles Folgen der Wiedervereinigung.

Hallo friends in Europe and USA !

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Meine Firma (wordpress.com) hat mir mitgeteilt, dass ich heute Leser oder Leserinnen in  Germany, Austria, Spain, Switzerland and the Unites States gehabt habe. Zwei auf einer spanischen Insel haben sogar eine Mail geschickt . Sie schwärmen von Sonnenschein und blauem  Himmel. Das hat mich auf die Idee gebracht, zu berichten, wie es gerade hier in Bremen aussieht: Es regnet schon den ganzen Tag. Im Haus brennt überall das Licht. Die Blätter hat der letzte Sturm fast alle von den Bäumen geblasen. Auch mein Spaziergang im Park war nur kurz. Ich war in Wätjens Park, ein Landschaftspark, den 1830 der Bremer  Kaufmann und Reeder Dietrich Heinrich Wätjen anlegen ließ.

Martin Luther und Theodor Adorno

 Gottesdienst am Reformationstag im Bremer Dom – Ein Zitat und die Folgen

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Reformationstag 2013. Gedenktag der Protestanten an Martin Luther (1483-1546) und seinen Thesenanschlag am 31. Oktober 1517. Ich will erfahren, wie die Kirche den Tag feiert und habe mir dazu den Abendgottesdienst im Bremer Dom ausgesucht.

Die Ostkrypta ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Alle Besucher haben am Eingang ein Programm erhalten, darin stehen auch die Texte aus Bibel und Gesangbuch, die die Gemeinde mitsingen und mitsprechen soll. Die Pastorin bezieht sich in ihrer Predigt auf Jesaja 62, 6-7, 10-12. Dieser Text aus dem Alten Testament wird gern für die Predigt zum Reformationstag genommen. Ich höre aufmerksam zu. Doch von Martin Luther und seinem Leben ist nicht die Rede. Stattdessen zitiert die Pastorin Theodor W. Adorno: „Nur wenn das, was ist, zu ändern ist, ist das was ist, nicht alles“ und lässt damit ihre Predigt enden.

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Mein Lutherbild

Adorno war gewiss nicht gottesfürchtig. Doch sein Gedanke gefällt mir. Ich bin ihm gefolgt und habe mir allein ein Lutherbild zusammengestellt. Dazu habe ich im Internet und in meinem Bücherschrank gesucht. Was mir dabei schnell aufgefallen ist: Luther hat  eine bewundernswerte Frau gehabt. Sie war selbstbewusst, tatkräftig und selbstständig. Über sie habe ich mich auch Martin Luther genähert. 

Mann und Weib sollen sich liebhaben 

Katharina Luther, geborene von Bora (1499-1552), konnte lesen und schreiben und hat ihren Haushalt mit sechs Kindern und vielen Gästen wie einen modernen Wirtschaftsbetrieb geführt. Luther spielte dabei anscheinend nur eine Nebenrolle und konnte seine eigenen Wege gehen. Dabei müssen sie eine gute Ehe geführt haben. Luther nennt seine Frau in Briefen an sie „Mein Liebchen“, „mein Morgenstern zu Wittenberg“ oder „mein Herr Käthe“. Eine gute Ehe war für ihn, wenn „sich Mann und Weib liebhaben, eines sind, eins das andere versorgt…“ Katharina wird auch furchtlos gewesen sein, denn als sie Martin Luther 1525 heiratet, ist er für die Kirche ein Ketzer und mit der Reichsacht (vogelfrei zum Töten) belegt.

Als Witwe kein Sorgerecht 

Nur an ihrem Ende, als Witwe, musste ich Katharina Luther wieder den mittelalterlichen Standesvorstellungen fügen. Sie geriet in finanzielle Schwierigkeiten, weil man das Testament ihres Mannes nicht anerkennen wollte. Man bestritt ihr auch das Sorgerecht für ihre Kinder.

Sein Lied 

Im Reformationsgottesdienst im Dom hat Martin Luther am Ende aber doch noch das Wort erhalten, denn wir haben zusammen sein Lied „Ein feste Burg ist unser Gott,/ ein gute Wehr und Waffen…“ gesungen. Auch eines der schönsten Glaubenslieder von Paul Gerhard „Ist Gott für mich …“ stand im Programm und von Klaus Peter Hertzsch das Lied „Vertraut den neuen Wegen“, das er 1989 für eine Trauung geschrieben hat.

 Meine Quellen waren Zufallsfunde im Internet. In meinem Bücherschrank habe ich „Familienleben in Deutschland“ von Barbara Beuys, gefunden. 1980 bei Rowohlt erschienen. Ein spannendes Buch. Zum Text Jesaja 62, 6-7, 10-12 findet man übrigens eine große Anzahl von Predigten im Internet. 

  

 

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