Die Nazi-Opfer sind nicht vergessen

Späte Erinnerung – Friedenspreis für Wiltrud Ahlers

Wiltrud Ahlers hat am 11. Mai den Franco-Paselli-Friedenspreis (www.friedensschule-bremen.de) erhalten. Sie wurde  ausgezeichnet, weil sie sich seit 2004 für das Projekt „Stolpersteine“ einsetzt, durch das an Nazi-Opfer in Bremen-Nord erinnert wird.

Wiltrud Ahlers und ich waren Klassenkameradinnen. Durch den Bericht über ihre Auszeichnung kam ich wieder auf eine Frage zurück, die ich mir zum ersten Mal 1984 gestellt habe, als meine achtzehnjährige Tochter  ihre Arbeit  „Jüdische Familien in Bremen-Nord“ für ihren Geschichtsunterricht ablieferte. Warum, fragte ich mich damals immer wieder, habe ich als Schülerin  im selben Alter das nicht  gefragt? Warum?

Kein Thema im Geschichtsunterricht

Dazu muss ich sechzig Jahre zurückdenken. Bis 1953.  Der verlorene Krieg lag noch nicht lange zurück und war kein Thema im Geschichtsunterricht. Auch über die Judenverfolgung wurde nicht gesprochen. Was wir über die Vernichtungslager wussten, war wage und weit weg. Auf den Gedanken zu fragen, ob auch Juden in unserer Nachbarschaft gelebt hatten und vertrieben wurden,  bin ich nicht gekommen.  Warum? Warum auch niemand anderes in unserem Unterricht? Warum unser Geschichtslehrer nicht? Auch Wiltrud Ahlers nicht, wenn sie im Zeitungsartikel richtig zitiert wird?

Dreißig Jahre später

1983. Dreißig Jahre sind verstrichen. Jetzt stößt meine Tochter auf das Thema. Wieder sind es nicht Erwachsene, niemand in der Familie, auch ihr Lehrer nicht, die das Thema vorgeben. Sie findet es allein. Zur Erklärung schreibt sie in ihrer Einführung:

„Ich habe im März 1983 mit meinen Nachforschungen begonnen. Ursprünglich wollte ich nur mehr über den Alltag in Vegesack 1933-45 erfahren, und von  diesem Thema bin ich dann zu der Frage gelangt: „Was geschah mit den Vegesacker Juden im Nationalsozialismus?“

Verwandte antworteten

Ich habe zuerst Verwandte gefragt, die diese Zeit miterlebt haben. Mir wurden Namen und Adressen von jüdischen Mitbürgern  genannt. Der erste Schritt war getan…. Jede Woche ging ich ins Archiv des Vegesacker Heimat- und Museumsvereins im Schönebecker Schloss. Ich traf dort viele ältere Menschen, die bereit waren, mir mit ihren Erinnerungen weiter zu helfen… Nicht immer waren solche Interviews sehr ergiebig – „damals hatten wir so viele andere Dinge, die uns beschäftigten“ – ein oft gehörter Satz.

Über mein Thema gab es fast keine schriftlichen Informationen…“

Wozu Menschen fähig waren

Meine Tochter hat daher zahlreiche Interviews geführt, hauptsächlich mit älteren Vegesacker. Sie schreibt am Ende ihrer Einführung:

„Mein Ziel war es, lediglich allen, die diese Zeit nicht miterlebt haben, vor Augen zu führen, dass auch in unser unmittelbaren Umgebung Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft gelebt haben und dass auch sie unvorstellbar unter dem Terror der Nationalsozialisten und dem Opportunismus der Bevölkerung gelitten haben. Vielleicht kann ich mit dieser Arbeit beim Leser ein Stück Betroffenheit hervorrufen und, wenn es auch unmöglich ist, wieder gut zu machen, so doch dazu beitragen, dass niemals vergessen wird, wozu Menschen damals fähig waren und dass sie unter bestimmten Umständen auch wieder dazu fähig wären.“                Januar 1984

1998 wurde der Franco-Paselli-Friedenspreis zum ersten Mal verliehen.

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