Ich war ein Kriegskind

Der ZDF-Film „Unsere Mütter, unsere Väter“, der in der letzten Woche im Fernsehen gezeigt wurde, beschäftigt die Journalisten weiter. Ihre Berichte und Analysen füllen immer noch die Zeitungsseiten. Der „Spiegel“ hat daraus in dieser Woche sogar eine Titelgeschichte gemacht. Ich habe alle drei Folgen des Films  gesehen. Kriegskinder und Flüchtlinge haben darin fast keine Rolle gespielt. Trotzdem kamen meine Erinnerungen zurück.

Meine Mutter weinte

Ich war 1945, bei Kriegsende, sechs Jahre alt. Mein Vater war aus Belgien, durch Holland, bei Kriegsende geflüchtet und in Gefangenschaft geraten. Die Kapitulation war Ende Mai. Es war schönes Wetter, als an unserem Haus die geschlagenen Soldaten vorbei zogen. Wir standen auf der Straße. Meine Mutter weinte. Unser kleiner Ort war nicht bombadiert worden. Wir waren gimpflich davon gekommen.

Arbeitslos

Doch was ich viel später, eigentlich erst in vollem Umfang nach dem Tod meiner Eltern, wahrgenommen habe, ist , dass mein Vater früh in die NSDAP eingetreten war und einem  langen Entnazifizierungsverfahren ausgesetzt war. Er wurde aus dem Dienst entlassen, war von jedem öffentlichen oder halböffentlichen Amt ausgeschlossen und alle seine Konto waren gesperrt. Erst 1948 hat er seine Entnazifizierung  als „ein Mitläufer ohne jede Beschränkung“ erhalten.

Wir waren arme Leute

Doch damit hörten die Sorgen nicht auf: Mein Vater hatte immer noch keinen Arbeitsplatz gefunden, seine Mutter lebte in Hamburg in einem Altenheim, mittellos.  Meine Eltern hatten bis weit in die sechziger Jahre finanzielle Sorgen. Sparsame Lebensführung war keine freiwillige Lebensform, sondern aufgezwungen und notwendig.

Das große Schweigen

Was ich mir heute vorwerfe, ist meine Zurückhaltung gegenüber den Flüchtlingskindern, mit denen wir unsere Wohnung nach dem Krieg teilen mussten und denen ich in meiner Schulzeit begegnet bin. Sie waren sicher in einer schwierigeren Lage als ich. Nie habe ich sie nach  ihren Erlebnissen gefragt oder mir von ihrer Heimat erzählen lassen. Selbst heute spüre ich noch eine eigentümliche Zurückhaltung zwischen uns, die ich gerne auflösen würde.

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