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Archiv für November, 2011

Mein 1. Advent

  Die Kinder schmücken das Haus  .  Ein Engel verliert seinen Arm

Es ist 1. Advent. Ich bin allein zu Haus. Ein guter Grund, um die Kinder anzurufen. Womit sie wohl beschäftigt sind? Die fünfjährige Enkelin meldet sich. „Ist Mama da?“, frage ich. „Nein“. Ein langes Schweigen folgt. Ich frage: „Was macht ihr denn?“ Lange Pause. „Wir schmücken das Haus“. 

Später ruft die Mutter an. „Na,  ist das Haus schön geschmückt?“, frage ich. „Hör bloß auf“, stöhnt meine Tochter. „Die haben den ganzen Fernseher mit Kugeln zugehängt. Die Palme fällt gleich um, so viel Schmuck hängt an ihr. Aber eins ist süß: Sie haben auch die Engelkapelle aufgestellt. Dabei ist dem einen Engel der Arm abgefallen. Sie haben den Engel trotzdem aufgestellt und den Arm neben ihn gelegt. Alle drei haben mich so rührend schuldbewusst angesehen, dass ich gar nicht böse werden konnte. “

Der Arm ist ab. Gespielt wird trotzdem.

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Zum Totensonntag: Fragen an einen Trauerredner

Es ist Totensonntag. Grund genug, um meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Was mich heute beschäftigt, sind die neuen Formen  der Begräbnisse. Ich habe sie kürzlich erlebt und zum Glück Ralf Schlegel – Trauerredner und freier Seelsorger –  getroffen, der mir meine Fragen beantworten konnte. Hier der Anfang der Geschichte:

Ein guter Freund sollte beerdigt werden. Ich war mit der Gewissheit zu seiner Totenfeier gegangen, dass in der Friedhofskapelle der Pastor die Trauerrede halten würde. Doch alles war anders: Kein Pastor, kein Glockengeläut. Dafür beschrieb eine Frau in langer Rede das erfolgreiche Leben des Verstorbenen. Einige Male machte sie eine Pause. Für Orgelmusik und Zeit zum Nachdenken, wie sie sagte. Über eine Stunde später wurde der reich geschmückte Sarg hinausgetragen. Auf Nimmerwiedersehen.

Herr Schlegel, was war das für ein Begräbnis? War mein Freund nicht in einer Kirche? 

Es wird wohl so sein.

Sie gestalten Trauerfeiern für nicht kirchlich gebundene Verstorbene. Sie sind Diplom-Theologe, waren Priester und arbeiten jetzt als Trauerredner. Wie kam es dazu?

Ich bin in Erfurt, damals noch DDR, zum katholischen Theologen ausgebildet worden und habe dann die Priesterweihe erhalten. Nach einer schweren Krankheit habe ich mein Priesteramt aufgegeben und aufgehört, für die katholische Kirche zu arbeiten. Als Trauerredner bin ich nun ein freier Mann.

Jetzt können Sie die Trauerfeiern also selbst gestalten. Haben Sie Ihre eigenen Rituale?

Ja und Nein. Als Priester war mir der Ablauf der Trauerfeier vorgegeben. Jetzt bespreche ich den Ablauf mit den Hinterbliebenen und gehe auf ihre Wünsche ein. Häufig werde ich gebeten, den Verstorbenen in den Mittelpunkt meiner Ansprache zu stellen. Das wäre bei einer katholischen Bestattung nicht möglich. Auch Musikwünsche kann ich erfüllen. Der eine hat seine Musikwünsche vor seinem Tod schon fertig auf eine CD gebrannt, eine andere Familie wünscht sich, dass auf der Orgel christliche Lieder gespielt werden. Und aus all diesen Wünschen und Vorstellungen entsteht dann die Trauerfeier. Eine sehr persönliche Feier. Ein Ritual ist nur das Ende, wenn Sarg oder Urne in die Erde versenkt werden.

 Kann Ihre Trauerfeier in einer Kirche stattfinden ?

Nein. Meine Feiern finden in Beerdigungsinstituten oder Friedhofskapellen statt.

Auf  Ihrer Trauerfeier, bei der ich dabei war, haben Sie nach der Urnenbeisetzung eine Schaufel Erde auf die Urne geschüttet und dabei – wie bei einer kirchlichen Beerdigung – « Erde zu Erde, Asche zu Asche und Staub zu Staub» gesprochen und anschließend das Vaterunser gebetet. Ist das nicht ein bisschen viel Kirche für jemanden, der keiner Kirche angehörte ?

Ich bin christlich geprägt. Ich bete und kann segnen, wie jeder Christ. Und ich habe auch die christliche Hoffnung, dass Gott den Toten nahe ist. Und wenn ich bei einem Trauergespräch merke, dass auch der Verstorbene oder seine Angehörigen einen Bezug zum christlichen Leben haben, dann spielt das auch in der Trauerfeier eine Rolle. Genauso gut kann ich aber auf all das verzichten und Gedichte von Rainer Maria Rilke und Hermann Hesse als Trostworte nehmen.

Sie sind ein Grenzgänger geworden. Wo führt uns das Bestattungswesen hin?

Ich beobachte, dass die Menschen immer mehr vereinzeln. Kirche ist für sie nicht mehr Heimat, sondern kostet Geld. Also tritt man aus. Trotzdem bleibt eine Bindung zur Kirche bestehen. Und hier können Trauerredner und Trauerrednerinnen vermitteln. Natürlich nur in einem bestimmten Rahmen. Doch dieser Rahmen wandelt sich. So konnte ich kürzlich auf einer Trauerfeier zwar nicht in der Kirche sprechen, aber der Küster entschied, dass Glockengeläut den Trauerzug bis zum Grab begleiten durfte.

Eine Frage ist mir erst jetzt, am Totensonntag 2011, eingefallen:

Ich bin Kirchenmitglied. Dürfte Ralf Schlegel in der Kirche zu meiner Beerdigung sprechen? Unser Pastor kann das nämlich nicht so gut wie Ralf Schlegel.

 

 

 

Mein Erinnern an die Trauer um einen Soldaten

Mein Ausflug zum Blog “ Mädchenmannschaft“ endet mit einer Trigger-Warnung – Haben tote Soldaten keine Trauer verdient?

Die „Mädchenmannschaft“ hat vor einiger Zeit bei mir angefragt, ob sie etwas über meinen Blog veröffentlichen dürfen. Dann sollte ich einen Fragebogen beantworten. Das habe ich getan und der Fragebogen und der Link zu meinem Blog wurden kurz nach Weihnachten auch veröffentlicht. Dazu kam fast gleichzeitig ein Kommentar, in dem es u.a. hieß:  “ In dem Beitrag wird mit keinem Wort erwähnt, dass der Vermisste/“Gefallene“  der Wehrmacht des nationalsozialistischen Deutschland angehörte. Vielleicht nicht ganz nebensächlich.“

Darauf kam dann von der Redaktion die Triggerwarnung zu diesem Artikel.

 

Was „Triggerwarnung“ bedeutet? Bei Wikipediader, der freien Enzyklopädie, steht diese Erklärung:

Mit dem Begriff Triggerwarnung bezeichnet man in Internetforen, die der Selbsthilfe beiposttraumatischen Belastungsstörungen dienen, einen Warnhinweis auf mögliche Auslösereize (Auslöser, engl. trigger).Ein solcher Auslöser kann beispielsweise die Schilderung eines sexuellen Missbrauchs sein. Bei Personen, die selbst Opfer eines Missbrauchs geworden sind, können dadurch starke …..

Daraufhin habe ich die Redaktion aufgefordert, das Interview und den Link zu meinem Blog zu entfernen Ich nehme an, dass dieser Frauenklüngel richtig aufgeatmet hat. Mich Oma sind sie schnell los geworden.

Nun folgt mein Text, für den ich

im Blog „Mädchenmannschaft“ die Triggerwarnung bekommen habe.

 

Volkstrauertag

Beinahe hätte ich diesen Tag vergessen. Dabei hat meine Mutter mir vorgelebt, dass der Volkstrauertag in unserer Familie eine Bedeutung hat: Sie stand immer mit am Denkmal für die gefallenen Soldaten des zweiten Weltkrieges, wenn dort Kränze niedergelegt wurden und ein Posaunenchor spielte. Sie stand da für ihren Bruder Heinz Bormann, der in Polen im zweiten Weltkrieg vermutlich gefallen ist.

Meine Mutter lebt nicht mehr. Und ich habe mich nur einmal an ihrer Stelle auf den Weg gemacht. Trotzdem ist Heinz Bormann nicht ganz vergessen. Ich kann mich immer noch lebhaft daran erinnern, dass er mit mir als Kind über die Gartenforte gesprungen ist. Und in meinem Besitz sind auch seine rund 80 Feldpostbriefe an seine Eltern. Briefe in einer Schrift, die fast unleserlich ist. 2009 hat eine seiner Großnichten die Briefe entziffert. Der letzte ist vom 17. Januar 1945. Darin schreibt er: „Vielleicht ist die Ungewissheit des Vermisstwerdens schlimmer als die Gewissheit des Todes.“

Er gehört zu den vermissten Soldaten. Seine Eltern und seine Schwester haben über 30 Jahre keine Antwort darauf bekommen, wie und wann er gestorben ist. Erst 1977 heißt es im Gutachten des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes:

„Heinz Bormann ist mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen dem 14. Januar und dem 20. Februar 1945 während des Rückzugs von Warschau… gefallen.“

Die Großnichte hat weiter geforscht. Sie hat festgestellt, dass in dem Gutachten die Beschreibung der Kampfhandlungen „ Standardformulierungen sind, wie sie in vielen Gutachten dieser Zeit verwendet wurden..“

2008 teilt das deutsche Rote Kreuz, Suchdienst München, mir mit, dass „auch die inzwischen aus Moskau übermittelten Daten der in den Lagern der ehemaligen Sowjetunion verstorbenen Zivil- und Kriegsgefangenen nichts Neues ergeben.“ 

Heinz Bormann wäre heute, am 15. November 2011,  92 Jahre alt geworden.

Die Triggerwarnung hat der Artikel vermutlich bekommen, weil ich ein Foto von Heinz Bormann in Uniform veröffentlicht habe. Ich habe daher das Foto gelöscht.

Schöner Herbst

Die Blätter fallen wieder. Doch noch sind nicht alle Bäume kahl. Das Foto entstand in Wätjens Park.

Der Park liegt in Bremen-Blumenthal, in der Nähe der Weser. Er wurde im 19. Jahrhundert von der Reederfamilie Wätjen angelegt. Jetzt gehört er den Bremern. Ein Verein sorgt gemeinsam mit der Stadt dafür, dass der Park Jahr für Jahr schöner wird.

Geschichten aus meinem Alltag, neue Folge

Handygesprächgeschrei. Das Enkelkind wünscht sich  ein Karussell für seinen Weihnachtsmarkt im Kinderzimmer. Eine Verkäuferin ist so freundlich und sucht mir das passende Modell heraus. Doch es gefällt mir nicht.

Mit dem Handy rufe ich die Mutter an. Die sitzt auf dem Fahrrad in München und keucht. Ich schreie ihr meine Bedenken ins Telefon und bekomme das O.K etwas auszusuchen, was mir gefällt. Ich entscheide mich für zwei Weihnachtsbuden. „Die hat sich mein Enkel auch gerade ausgesucht“, sagt eine Kundin, die mein Handygesprächgeschrei sicher mit gehört hat. Auch die Verkäuferin an der Kasse erkennt mich wieder. „Na, soll es doch etwas anderes sein?“, fragt sie freundlich.“War die Mutter am Handy nicht zufrieden?“

Liebe Leute, ab sofort schreie ich nicht mehr ins Handy. Versprochen!

Nur in den Ferien. Ich bin wieder zum Einkaufen unterwegs. Und plötzlich fällt es mir auf: überall wuseln Kinder herum, große, kleine, dazu Männer und Frauen, die wie Großeltern aussehen oder wie ganz normale Väter und Mütter. Stimmt es vielleicht gar nicht, dass wir Alten immer mehr werden und die Jungen immer weniger? Doch dann fällt mir ein: Es sind Herbstferien, und ich bin mitten in die Familienausflüge geraten.

 

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