Das Ferienkind

Wir sitzen auf einer Restaurant-Terrasse. Jeder Tisch ist besetzt. Die Gäste sind heiter gestimmt. Nur an einem kleinen Tisch an der Wand beobachte ich  Zwei, die sich gar nichts zu sagen haben. Sie schweigen. Viele Minuten lang. Es sieht so aus, als ob eine Großmutter ihr Enkelkind zum Essen eingeladen hat. Es ist ein Mädchen. Vermutlich elf oder zwölf  Jahre alt. Ich muss es immer wieder anschauen, weil es das Schweigen mit freundlichem Gesicht und gefalteten Händen erträgt. Auch die Großmutter sitzt so da. Irgendwann schlenkern beide mit den Füßen unter dem Tisch. Ohne sich zu berühren. Dann kommt das Essen. Auch jetzt benimmt sich das Mädchen vorbildlich: Die Serviette liegt auf dem Schoß, Messer und Gabel machen die richtigen Bewegungen. Wieder vergeht die Zeit schweigend. Nur der Ober unterbricht es, denn beide antworten, als er fragt, ob es geschmeckt hat: „Ja“.  Das Mädchen sieht den Ober dabei freundlich an.

Vermutlich haben die Eltern ihr Kind zu der Großmutter in die Ferien geschickt. Ob sie ahnen, dass ihr Kind dort gar kein Kind mehr ist?

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