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Archiv für August, 2011

Goldene Hochzeit und goldene Zeiten

Eine neue Heimat  und eine sichere Zukunft

Wolfgang und Ingrid haben ihre goldene Hochzeit gefeiert. Mit fünfzig Gästen in dem Lokal, in dem sie sich vor gut fünfzig Jahren beim Tanzen kennengelernt haben. Das war Anfang der sechziger Jahre.

Wolfgang stammt aus einer großen Familie mit zehn Kindern. Ingrid ist ein Flüchtlingskind. Beide sind in Norddeutschland groß geworden. Als sie heiraten, haben beide eine sichere Stellung. Ingrid gibt ihre auf, als ihr erstes Kind geboren wird. Angst, dass ihre Ehe in die Brüche gehen könnte, hat sie nicht. Warum auch? Scheidungen gehörten damals noch nicht zum Alltagsgeschehen. Und dass der Mann seinen Arbeitsplatz bei der Bundeswehr verlieren könnte? Auch das war unvorstellbar.

Die alte Heimat

Als das dritte Kind geboren wird, bauen sie sich ein Haus, umgeben von einem Garten. Die Straße trägt den Namen der schlesischen Stadt, in der Ingrid als Kind lebte bis ihre Familie flüchtete. Auch die anderen Straßen in dieser Siedlung tragen Städtenamen aus dem Vorkriegsdeutschland.  Auf der goldenen Hochzeit werden die verlorenen Regionen, aus denen die Gäste stammen,  alle genannt: Schlesien, Westpreußen, Ostpreußen, Pommern….eben die alte Heimat vieler Gäste. Nur Wolfgangs große Familie ist fast ausschließlich aus dem Weserraum angereist. Und eine Cousine steht vor ihm, die vor 50 Jahren Blumen für das Brautpaar gestreut hat. Sie ist mit ihrem Bruder gekommen, der einundzwanzig (!) Jahre  jünger ist als sie.

Straßenfeste

Ein Chor tritt auf. „Das ist unsere Straßengemeinschaft“, wird erklärt. „Früher haben wir zusammen Straßenfeste gefeiert. Das haben wir jetzt aufgegeben. Wir müssen nämlich ständig goldene Hochzeiten, sechzige, siebzige und achtzige Geburtstage feiern.“ Die Stimmung steigt weiter. Eine in die Jahre gekommene Bauchtänzerin tritt auf. Sie ist Ingrids Tanzlehrerin. Ingrid freut sich. Sie war fünfundsechzig, als sie mit dem Bauchtanzen aufgehört hat. Ach, was waren das für schöne Zeiten!

Und der Straßenchor singt zum Schluß:

Zusammenleben / Auf Wolken schweben / Was kann das Leben / wohl Schöneres geben?

Hochzeit 1928. Dieses Braupaar und seine Familien haben zwei Weltkriege erlebt. Keine goldenen Zeiten.

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„Das Buch kaufst du nicht!“

„Das Buch kaufst du nicht“, hatte ihr Mann gesagt. „Zuviel Schweinerei“. Frau N. hat es doch gekauft. 16.99 € hat ihr Ungehorsam gekostet. Die Rede ist von Charlotte Roche und von ihrem neuen Roman „Schoßgebete“.

Schon der Kauf war anders als sonst. Zum ersten Mal hat Frau N. in der Buchhandlung einen Cent beim Buchkauf zurückbekommen, ganz so als hätte sie einen BH im Kaufhaus erstanden. Auch über den Pappeinband hat sie sich gewundert. Eine Neuerscheinung und nicht in einem soliden Einband zu haben? „Na, gut“, denkt Frau N. „die Herausgeber erwarten sowieso nicht von mir, dass ich das Buch in das Regal stelle, um es zu vererben.“ Einen Schmuck trägt es aber doch: Es sind zwei Eicheln aus Perlmutt, in Gold gefasst, die über dem Titel liegen.

Und weil ihr Mann sich abends Ausgang genommen hat, beginnt sie augenblicklich zu lesen. In sturmfreier Bude. Gleich zu Anfang ist sie dabei, wie ein Paar miteinander unkonventionellen Sex hat. Auf 21 Seiten wird das beschrieben. So, als würde Frau N. durch das Schlüsselloch gucken. Und so geht es weiter: Frau N. fühlt sich als Zuhörerin und  als Zuschauerin.

Das Buch beschreibt drei Tage im Leben von Elizabeth Kiehl. Um es genau zu sagen: Elizabeth erzählt, was sie in diesen drei Tagen –  Dienstag, Mittwoch und Donnerstag – tut, denkt und fühlt. Doch eigentlich kreist alles um den  Unglücksfall, der das Leben der Ich-Erzählerin vollkommen aus den Fugen geraten läßt: Sie will in England heiraten. Doch auf der Fahrt dort hin verunglückt ihre Mutter mit dem Auto und ihre drei Brüder verbrennen in dem Auto. Die Hochzeit findet nicht statt. Elizabeth bekommt ein Kind, heiratet dann aber einen anderen Mann. Um ihr Leben aushalten zu können, legt sie sich seit acht Jahren bei einer Therapeutin regelmäßig auf die Couch. Das alles wird nicht Kapitel für Kapitel erzählt, sondern -wie es in einem Gespräch leicht passieren kann – in Sprüngen, vor und zurück.

Frau N. fühlt sich in vielen Teilen angesprochen. Manches hat auch sie vor dreißig, vierzig Jahren umgetrieben: das Verhältnis zur Mutter ( Mutteraids nennt das die Erzählerin), die Schwierigkeiten in der Familie. Anderes: das Leben in einer Patchworkfamilie, der Wunsch nach Geborgenheit und Sicherheit betrifft wohl eher die Generation ihrer Kinder, findet Frau N.  Uneheliche Kinder und Scheidungen waren vor 50 Jahren eben noch nicht normal, sondern wurden von der Gesellschaft missbilligt. Und mit dem Mann in den Puff gehen, um dort zusammen Sex zu haben: Wie findet Frau N. das?  Das ist eine Idee, auf die sie allein nie gekommen wäre.

Ist das Buch ein literarisches Meisterwerk? Danach hat Frau N. gar nicht gesucht. Sie ist aber überrascht, dass sie endlich wieder ein Buch gelesen hat, das sie auch nach der Lesezeit noch beschäftigt.

Das Ferienkind

Wir sitzen auf einer Restaurant-Terrasse. Jeder Tisch ist besetzt. Die Gäste sind heiter gestimmt. Nur an einem kleinen Tisch an der Wand beobachte ich  Zwei, die sich gar nichts zu sagen haben. Sie schweigen. Viele Minuten lang. Es sieht so aus, als ob eine Großmutter ihr Enkelkind zum Essen eingeladen hat. Es ist ein Mädchen. Vermutlich elf oder zwölf  Jahre alt. Ich muss es immer wieder anschauen, weil es das Schweigen mit freundlichem Gesicht und gefalteten Händen erträgt. Auch die Großmutter sitzt so da. Irgendwann schlenkern beide mit den Füßen unter dem Tisch. Ohne sich zu berühren. Dann kommt das Essen. Auch jetzt benimmt sich das Mädchen vorbildlich: Die Serviette liegt auf dem Schoß, Messer und Gabel machen die richtigen Bewegungen. Wieder vergeht die Zeit schweigend. Nur der Ober unterbricht es, denn beide antworten, als er fragt, ob es geschmeckt hat: „Ja“.  Das Mädchen sieht den Ober dabei freundlich an.

Vermutlich haben die Eltern ihr Kind zu der Großmutter in die Ferien geschickt. Ob sie ahnen, dass ihr Kind dort gar kein Kind mehr ist?

Im August: Blumensträuße aus meinem Garten

 
 
 

Prächtige Dalienblüten

 
 
 
 

Dalien, Lavendel, Sonnenhut

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Ein Topf voller Sonnenhut

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