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Archiv für Juni, 2011

Geschichten aus meinem Alltag

 

1. Fortsetzung

Nur eine Scherbe paßt zum Teller.

Bestimmt kein Scherbengericht: Zu meinem Garten gehört ein Hangstück. An seinem Rand stand über 200 Jahre eine Bäckerei. Sie wurde abgerissen. Alle Spuren sind getilgt. Nein, nicht ganz, denn wenn ich an diesem Hangstück hacke und grabe, finde ich immer wieder Scherben von Schüsseln, Tellern und Tassen. Hier muss also die Müllhalde meiner Vorfahren gewesen sein, denn es sind auch Scherben von Geschirr dabei, das sich immer noch in Familienbesitz befindet.

In Athen wurde das Scherbengericht  507 v. Chr. als Maßregel eingeführt. Die Athener konnten auf einer Scherbe einritzen, welche Bürger für zehn Jahre aus der Stadt verbannt werden sollten. Kein Scherbengericht am hohen Ufer? Vielleicht  haben meine Ur(ur)-großmütter ja hin und wieder doch mit  Tellern geworfen, weil sie die ganze mehlbestaubte Männergesellschaft im Haus satthatten?

Eine Geschichte von Scherben aus dem letzten Weltkrieg findet man hierhttp://suschna.wordpress.com/ unter „Trümmerfunde“, 12. Juni 2011.

Das Rollenbild: Ich soll meine Freundin auf einer Versammlung vertreten, an der ich nur mit ihrer Vollmacht teilnehmen kann. Die Kontrolle findet am Saaleingang statt. Vor mir steht ein Herr, der einen Extrawunsch erfüllt haben möchte. Alle Kontrolldamen sind mit ihm beschäftigt. Ich stehe und warte. Ich stehe und warte. Schließlich kommt der Chef und übernimmt die Verhandlung. Die Kontrolldamen wenden sich erschöpft ab. Ich stehe und warte nicht mehr. „Kann mich jetzt jemand bedienen?“, frage ich. „Oh, selbstverständlich“, rufen die Kontrolldamen. „Wir dachten, Sie wären zusammen mit dem Herrn gekommen“. „Ja, ja, das alte Rollenbild“, sage ich. „Ja, ja“, sagen die jungen Frauen und lachen.

Kein Frieden mit der Friedenstaube: Auf meinem Rasen geht eine Taube spazieren. Ich mag keine Tauben. Mich nervt ihr Gurrgurr. Irgendwann fliegt sie davon. Dann sehe ich, dass sie  mit einem Stöckchen im Schnabel zurückkommt und  in dem Kirschbaum vor unserer Terrasse verschwindet. Bloß das nicht: ein Taubennest direkt vor unserer Tür. Ich schüttle die Äste. Die Taube fliegt davon. Ist aber irgendwann wieder da. Jetzt nehme ich meinen Schuh und ziele. Die Taube fliegt in weitem Bogen davon, und ich höre ihr Gurgurr aus Nachbars Garten. Dieses Spiel wiederholt sich noch einige Male. Dann läßt sich die Taube nicht mehr blicken. Sie ist endgültig verschwunden.

Ich habe mit einer Friedenstaube Krieg angefangen und gewonnen. So richtig freuen kann ich mich darüber nicht.

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Ich habe ein Häubchen für Nancy genäht

Wie die australische Künstlerin Christina Henri  an  25.566 vertriebene Frauen erinnert

Ich habe  heute eine Haube genäht, die ganz bestimmt keine Frau tragen wird. Sie hat einen ganz anderen Zweck: Sie soll an eine Frau erinnern, die im 18. oder 19. Jahrhundert gegen ihren Willen von England oder Irland aus nach  Australien ausgewiesen wurde. Der Grund: Sie hatte eine Straftat begangen. Genauso wie die 25.565 anderen Frauen auch, die damals ihre Heimat verlassen mußten. Die australische Künstlerin Christina Henri hat sich mit dem Schicksal dieser Frauen beschäftigt und möchte, dass wir uns an sie  erinnern.Dafür hat sie das Projekt  „Roses from the Heart“ gestartet. Ihr Ziel ist es, 25.566 Hauben zu sammeln, für jede der vertriebenen Frauen eine.

Über 20000 Hauben hat sie schon weltweit eingesammelt. Es fehlen noch etwa 5000. Das alles habe ich durch einen Artikel im Weser-Kurier (21. Juni 2011) erfahren. In ihrem Artikel berichtet Erika Thies ausführlich über das Projekt und bittet um Mithilfe. Mich hat die Idee angesprochen, und ich habe mich gemeldet. Nur einen Tag dauerte es, bis ich die Nähanleitung und den Namen meiner Vertriebenen vorliegen hatte. Einen verregneten Nachmittag dazu gerechnet und schon war die Haube fertig. Sie trägt den Namen Nancy Wrenn und den Schiffsnamen „John Calvin“. Mehr weiß man über Nancy nicht.

Ich stelle mir vor, dass sie 16 Jahre alt war. Sie hat als Hausmädchen auf einem Gutshof in Südengland gearbeitet. Sie ist die  Älteste von fünf Geschwistern.  Zuhause herrscht Not und Armut. Eines Tages stiehlt Nancy das Stück Schweinebraten, das ihre Herrschaft nicht gegessen hat. Doch sie wird erwischt und aus dem Haus geworfen. Sie traut sich nicht nach Hause, denn sie weiß, dass sie ihrer Familie Schande bereitet hat. Sie lebt auf der Straße. Dort wird sie eines Tages aufgegriffen, vom Gericht wegen „Streunerei“ verurteilt und in Cork am 27. August 1827 auf die „John Calvin“ (früher „Elizabeth“) verfrachtet, mit der sie am 12. Januar 1828 In New South Wales in Australien ankommt. Mit an Bord sind 138 straffällig gewordene Frauen und 37 Kinder. Drei sind während der Überfahrt geboren worden, fünf Frauen sind gestorben und eine unbekannte Zahl von Frauen ist von der Mannschaft mißbraucht worden.

Nancy kommt mit den anderen Frauen zunächst in ein Auffanglager. Manche müssen in einer Fabrik arbeiten. Doch Nancy gehört zu denen, die als kostenlose Arbeiterin an einen Farmer vermittelt wird. Sie hat Glück, denn sie wird gut behandelt. Später heiratet sie…

Hier hört ihre Geschichte erst einmal auf, denn ich bin mit meiner Phantasie am Ende. Vielleicht schreibe ich bald weiter.

Heute schicke ich die Haube nach Köln zu Heike Baier-Lueck, denn sie hat eine Sammelstelle für das Projekt eingerichtet.

Es grünt und blüht – Zwei Gartengeschichten

Geranien, gänzlich blütenfrei: Diese drei Geranien( Pelargonien) gehören schon seit vielen Jahren zur Familie. Sie überwintern im Keller, machen dann Urlaub auf der Fensterbank und werden vor die Tür gesetzt, wenn die Frostperiode vorbei ist. Und jedes Jahr blühen sie wieder. Doch in diesem Sommer sind sich alle drei Pflanzen einig: Wir blühen nicht! Wir zeigen nur schöne Blätter und plustern uns dick auf. Warum nur?

Natürlich habe ich schon versucht über Google eine Antwort zu finden. Doch besonders geschickt bin ich nicht beim Finden der richtigen Antworten. Vielleicht habe ich die Pflanzen zu früh an die frische Luft gesetzt? In diesem Frühjahr war es lange kalt. Und Kälte soll Geranien blühfaul machen.

Die drei Geranien, nach einer stürmischen Nacht.

Der Fingerhut ist wieder da: Rätselhaft finde ich auch, was der Fingerhut in diesem Frühjahr in meinem Garten treibt. Er blüht nämlich in allen Ecken, obwohl er seit drei Jahren gänzlich verschwunden war. Ich habe ihn nicht ausgesät. Und trotzdem ist er wieder da. Ich freue mich!

Der Fingerhut, schon fast verblüht.

Manches habe ich lebhaft in Erinnerung und manches nicht. Warum?

Ich habe eine Wiedervorlage im Kopf. Bei Fragen, auf die ich keine Antwort habe (aber gerne eine hätte) meldet sie sich zuverlässig. Auch nach langer Zeit. Nun ist es wieder passiert: Ich war hellwach, als ich ein Interview mit Douwe Draaisma gelesen habe. Er ist Professor für Psychologiegeschichte. Und er hat eine Antwort auf meine Frage, warum ich mich im Alter nur noch schlecht an Ereignisse erinnern kann, die in den letzten   Jahren passiert sind. Dafür aber immer öfter über Dinge berichten kann, die sich ereigneten als ich zwischen 15 und 25 Jahre alt war.

Douwe Draaisma stellt fest, dass das normal ist. Er nennt das den Reminiszenzeffekt. Dazu gehört dann leider auch, dass ich mich als alter Mensch an Dinge erinnere, die mich in jungen Jahren gequält haben. Bevor einen das traurig macht, rät er dazu, lieber an angenehme Dinge zu denken und sich glückliche Ereignisse in Erinnerung zu rufen. Bei mir sind es zum Beispiel: Die Tanzstundenzeit, die Solonummer auf dem Schulfest, der Ernteeinsatz auf dem Bauernhof. Und je öfter man darüber redet, um so besser bleiben sie in Erinnerung, erklärt der Professor.

Und wenn man damit fertig ist, kann man sich auch noch fragen, welche Bücher man in diesem Alter gern gelesen hat. Und tatsächlich, es funktioniert: Ich denke sofort an Ernest Hemingway und „Der alte Mann und das Meer“. Das Buch habe ich noch. 1957 habe ich meinen Namen hineingeschrieben.

Eine schöne Aussage habe ich noch gefunden: Gehirnjogging hilft im Alter nicht.  Sudoko können meine Freunde und Freundinnen also ruhig alleine lösen. Ich versäume nichts. Douwe Draaisma empfiehlt stattdessen, Neues zu tun, die Urlaubsorte zu wechseln, neue Menschen kennenzulernen, andere  als die gewohnte Musik zu hören und neue Hobbys auszuprobieren.

Zum Beispiel: Einen Blog eröffnen!

Das Interview stand in der „Brigitte 12/2011“

Zur Sommersonnenwende am 21. Juni 2011

Die Sommersonnenwende schenkt uns den längsten Tag und die kürzeste Nacht. In Bremen geht die Sonne heute um 4.55 Uhr auf und um 21.47 Uhr unter. Mehr dazu weiß Gertrud von Hacht unter www.seniorenlotse.bremen.de/seniorenlotse-startseite/oh-nein-bitte-nicht-21291555

Kommt ein Vogel geflogen …

Ich bin gerade auf Reisen. Aus meinem Hotelfenster blicke ich auf eine weiße Hauswand. Nur ein schwarzer Fleck stört die makellose Fassade. Doch –  was ist das? Der schwarze Fleck bewegt sich. Kurz darauf fliegen zwei Amseln (?) zum schwarzen Fleck, halten kurz an und kommen im Sturzflug wieder zurück. Schaut da ein junger Vogel aus dem Loch und möchte gefüttert werden? Ich kann es nicht erkennen. Und entdecke noch ein Loch in der Fassade. Lösen diese Fotos das Rätsel?

Im Kosmos-Naturführer finde ich ein Foto, das meinem ähnelt: „Der Star. Zur Brutzeit schwarzes Gefieder. Im Ruhekleid weiß  getüpfelt. Baut in Höhlen (Baumhöhlen, Felsspalten, Mauerlöchern) ein unordentliches Nest…“

Wasser ist zum Waschen da ….

Die Ehec-Krise scheint überwunden, doch sie gehört immer noch zum Tagesthema. Für mich war sie der Anlaß, mein Kochverhalten gründlich in Frage zu stellen. Was dabei herausgekommen ist? Ich war leichtsinnig geworden, denn ich habe Obst und Gemüse nicht mehr sorgfältig gewaschen

Warum auch? Der Blumenkohl sieht weiß und makellos aus. Wieso soll der lange gewaschen werden? Vor fünfzig Jahren bekam man die Quittung gleich mit auf den Teller, wenn man den Blumenkohl nicht sorgfältig gewaschen hatte, denn dann konnte es passieren, dass man nicht nur Blumenkohlröschen auf die Gabel nahm, sondern dazu noch eine gut durch gekochte Schnecke. Auch der grüne Salat hatte vor fünfzig Jahren  seine Tücken: Er war voller Sand. Wehe, wenn er nicht sorgfältig gewaschen wurde, dann knirschte es gehörig in der Soße. Und was haben wir mit den Gurken gemacht? Die wurden erst einmal kritisch an den Enden probiert. Schmeckten die bitter, hieß es, die Gurke vorsichtig zu behandeln, damit die Bitterstoffe nicht verteilt wurden. Und niemand wäre damals auf die Idee gekommen, Salatgurken mit der Schale zu essen!

Fazit meines Ehec-Krisen-Lernprozesses: Ich werde jedes Gemüse und das Obst wieder gründlich waschen. Wie vor fünfzig Jahren!

Fröhliche Pfingsten

Pfingsten in der Kirche ist das Fest des Heiligen Geistes und  der Abschluß des Osterfestkreises. Als das Pfingstwunder geschah, so wird in der Bibel berichtet, ließen sich danach etwa dreitausend Menschen taufen. In meiner Kinderzeit wünschte man jedem, dem man an diesem Fest begegnete:“Fröhliche Pfingsten“. Zum guten Brauch in meiner Familie gehörte es auch, einen „Pfingstausflug“ zu machen. Aber leider in Sonntagskleidern und mit einem nervigen Ritual: Ich mußte mit meiner Schwester – Hand in Hand – vor meinen Eltern gehen. In Erinnerung habe ich auch noch, dass auf dem Land viele Häuser mit Birkenzweigen geschmückt waren. Auch eine Bauernregel zitierte meine Großmutter gern. Sie sagte immer: „Wenn es zu Pfingsten regnet, dann regnet es weiter sieben Sonntage.“

An diesem Pfingstfest fahre ich in die Wesermarsch. Genau zu der Stelle hinter dem Deich, die das Foto zeigt.

Werde ich das noch erleben?

Die Bundesregierung hat den Atomausstieg bis zum Jahr 2022 beschlossen. Nun müssen neue Energiequellen erschlossen werden. Sieht dann unsere norddeutsche Landschaft am Ende so aus: Voll gestellt mit Windrädern und Überlandleitungen? Dass wir damit rechnen müssen, liegt auf der Hand, denn schon ist man dabei, Gesetze so zu ändern, dass Flächen für den Bau von Energieerzeugern leichter ausgewiesen werden können; dagegen zu protestieren  wird schwierig werden.

Ich bin froh, dass es noch nicht so weit ist.

Das Foto zeigt einen Blick auf das Weserufer in der Nähe von Bremen.

Das Gemüse esse ich nicht !

Ludwig ist  siebzig Jahre alt geworden. Das feiert er mit fünfzig Freunden und Freundinnen. Für Essen und Trinken sorgt ein Partyservice. Zu seinem Standartangebot gehören kleine, bunte Töpfchen, gefüllt mit Salat, Möhrenstücken und Paprikstreifen. Dazu wird ein Dip serviert. So auch auf dieser Geburtstagsfeier am 1. Juni 2011. Doch was passiert? Fast keiner der Gäste rührt das Gemüse an. Es wird nur mit einem kurzen Blick bedacht. Alle haben also Angst vor dem Ehec-Erreger. Ich finde das übertrieben und esse die Möhrensticks auf. Doch so ganz ohne Gesellschaft vergeht auch mit der Appetit.

Was ist passiert? Der Partyservice hat sich nicht um die Befindlichkeiten seiner Gäste gekümmert. Das hat die Gesellschaft zur Kenntnis genommen und einstimmig reagiert und das Gemüse nicht gegessen. Soviel Solidarität (gegen den Gastgeber) habe ich noch nicht erlebt.

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